Russische Spiellust

- Den Übergang von der Tänzerkarriere in ein neues, möglichst kreatives Berufsleben zu finden - keine leichte Sache. Kirill Melnikov - man kennt ihn in München unter anderem als ausdrucksstarken Onegin, als Petrucchio - sondiert schon mal mögliches Zukunftsterrain für sich und seine Frau Yelena Pankova, mit der er 1992/93 vom St. Petersburger Kirow-Ensemble zum Bayerischen Staatsballett überwechselte.

<P> Jetzt hat er sich zum ersten Mal als Produzent erprobt (mit Davies & Woolnough, London): das Ballett "Der verzauberte Schwan" nach Puschkins Märchen vom Zaren Saltan, für Kinder und die ganze Familie (Münchner Deutsches Theater). Zuschauer-Flucht in der Pause. Die Durchhalter haben begeistert applaudiert. Für beide Reaktionen gibt es Argumente. Was ist schon eindeutig im Leben? <BR></P><P>Die Wahl von Puschkin als Librettist, die ganze Idee ist nahe liegend (siehe die Opern "Pique Dame", "Boris Godunow", "Eugen Onegin" und Crankos "Onegin"-Ballett). Hof-Intrigen verbannen den Sohn des Zaren Saltan mit seiner Mutter in einem Fass aufs offene Meer. Dennoch Errettung. Am Ende ist die Zarenfamilie sogar wieder vereint, natürlich dank des verzauberten Schwans. Der wiederum wird durch Jung-Zars Liebe von seiner Verzauberung erlöst und gleich auch geheiratet.</P><P>Vor einer kleinen Jahrmarktsbühne, benutzt für Szene im Wirtshaus oder für Schattenspiele, umschwebt von Sonne, Mond und naiv gekräuselten blauen Wölkchen (erinnert entfernt an Mikhail Fokines "Petruschka"-Ballett aus der Ära Diaghilew), erzählt sich die Story allerdings in allzu ausführlicher Breite. </P><P>Es ist, man sieht's, das erste abendfüllende Ballett von Choreograph Dimitri Katunin, seit zwei Jahren Pädagoge der Münchner Heinz-Bosl-Stiftung. Auch sein Vokabular, Neoklassisches gemixt mit Charaktertanzschritten, ist in seiner Beschränkung eher Material für eine Ballett-Einlage. Und wird leider nicht so lupenrein getanzt, wie es der Name des "Klassischen Balletts St. Petersburg" verheißt, wenn auch die 14 Tänzer in bunten Zarenzeit-Kostümen Spiellust mitbringen. Es steckt gewiss viel Arbeit in diesem Unternehmen. </P><P>Aber geprobt zwischen den Brötchen-Berufen u n d zwischen St. Peterburg und München, haftet ihm das Schnell-Gewerkte eines Wandertheaters an. Und die einst gefeierten Pankova und Melnikov - unvergesslich etwa in "Giselle" - hier als Jungfrau im Schwanenhemde und Zarenbursch riskieren es, die Erinnerung an ihre Glanzzeit zu trüben. Trotzdem: es könnte ja ein Anfang von Besserem sein.<BR>Das St. Petersburger Art Contrast Ensemble mit auf der Bühne löste schon mal das Versprechen "russische Seele, russische Kultur" ein. Die sechs jungen Musiker spielen Rimski-Korsakow, Mussorgski und Tschaikowsky spezial: auf Domra, Balalaika, Bass-Balalaika und Ziehharmonika. Und das gibt diesem Abend einen filigran feinen folkloristischen Klang. Dafür lohnt es sich.</P><P>Bis 14. 12.2003, 089/ 55 23 44 44.<BR></P>

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