Bariton Christian Miedl
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„Der politische Stellenwert der Kultur ist nahe Null.“ Bariton Christian Miedl beklagt, dass für die Freischaffenden so gut wie keine finanziellen Hilfen geflossen sind – ein Versagen der Entscheidungsträger.

Kritik an politischen Entscheidungsträgern

Sänger Christian Miedl über Corona-Hilfen: „Für uns ist kein Geld da“

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Eine solche Resonanz hat er nicht erwartet – vielleicht aber erhofft. Vor zwei Wochen wurde auf der Online-Plattform des „Opernmagazins“ ein Beitrag von Bariton Christian Miedl über die Situation der freien Künstlerinnen und Künstler veröffentlicht. Mehrere tausend Mal wurde dieser lange, anklagende, bestürzende Text im Netz geteilt. Der Tenor des Beitrags: Die Freischaffenden haben so gut wie keine Unterstützung erhalten – „und alle schauen weg“, wie es in der Unterzeile heißt. Miedl, gebürtiger Passauer, startete nach einem Wirtschaftsstudium seine Gesangskarriere und arbeitet mit im Verein „krea[K]tiv – musiktheater stands up“.

Warum schreiben nicht mehr Sängerinnen und Sänger solche anklagenden Texte?

Ehrlich gesagt frage ich mich das auch. Viele haben Angst, dass sie nicht mehr engagiert werden. Aber das Problem liegt meist nicht bei den Theaterleitungen, sondern bei den Rechtsträgern, die oft den Theatern untersagen, ihre Gastsolisten für Ausfälle angemessen zu entschädigen oder dass für sie eine Kurzarbeitsregelung gilt. Ich glaube nicht, dass man mit konstruktiver Kritik seine Karriere riskiert. Wie viel mehr gibt es denn jetzt noch zu verlieren? Unser Berufsstand ist großteils seit zwölf Monaten im Total-Lockdown. Jeder muss doch verstehen, dass wir von etwas leben wollen.

Ihr Hauptvorwurf lautet: Es ist seit dem vergangenen März so gut wie kein Geld geflossen...

...auf Bundesebene ist lange gar nichts geflossen. Und was wir bekamen, mussten wir wieder zurückzahlen. Das Problem liegt einfach in der rechtlichen Natur der Künstlerhilfe. Sie ist für Selbstständige gedacht. Die Bewilligungsstellen sagen uns: „Sie waren ja sozialversicherungspflichtig.“ Das stimmt: Als Gastsolist an einem deutschen Theater führt man Sozialabgaben ab wie normale Angestellte – und fällt damit durchs Raster. Und dies, obwohl man ansonsten das volle unternehmerische Risiko trägt, zum Beispiel keine Gage bei Absage im Krankheitsfall. Aufgrund dieser rechtlichen Zwitterstellung wurden Künstlerhilfen nicht bewilligt. Erst mit der aktuellen Neustarthilfe wurde das geändert – auch wenn das nach zehn Monaten Komplettausfall viel zu wenig zum Überleben ist.

Wobei der bundesweite Flickenteppich, in dem die Kultur nach wie vor Ländersache ist, auch ein Problem ist.

Exakt. Föderalismus ist schön und ein interessantes Relikt aus der Zeit der Fürstentümer. Aber er ist hinderlich in der Pandemie, das sieht man gerade auf allen Gebieten. Einige Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben Stipendien und Sonderlösungen für die Künstler entwickelt, andere gar nichts. Es kann passieren, dass ein Sänger 5000 Euro Förderung bekommt und ein Kollege, der drei Kilometer entfernt wohnt, nichts. Diese Dinge sind unverständlich. Es muss in der Krise einheitliche Lösungen auf Bundesebene geben. Die jetzige, am Kanzleramt angesiedelte Kulturstaatsministerin hat keine Macht, da Kultur Ländersache ist. Sie ist Bittstellerin beim Finanz- und beim Wirtschaftsministerium.

Hinzu kommt die erhebliche Verzögerung in der Bewilligung. Entscheidungsträger wie in Bayern reden sich darauf hinaus, dass man etwa anfangs nicht wusste, ob Landes- mit Bundeshilfen kombiniert werden dürfen.

Als Ende Oktober die Theater wieder schließen mussten, hieß es: Wir helfen euch sofort und unbürokratisch. Alle betroffenen Künstler sollten November- und Dezemberhilfen erhalten. Aber die Freischaffenden bekamen wieder nichts. Was an den November- und Dezemberhilfen so wichtig ist: Die Beträge richten sich nach dem Einkommen im Vorjahreszeitraum. Gerade diese Monate sind für Freiberufler mit die wichtigsten. Wenn nach einem halben Jahr ohne Einnahmen auch diese Monate komplett entfallen, kann es das Ende der Existenz bedeuten. Und das ist sehr oft passiert. Viele auch namhafte Kolleginnen und Kollegen mussten und müssen sich auf anderen Berufsfeldern etwas suchen. Hilfshandwerker, Vertretungslehrer, ich kenne da einige Beispiele. Abgesehen davon: Was für eine Botschaft ist das an die Nachfolgenden, die sich zum Künstler berufen fühlen?

Was muss also passieren?

Ganz direkt gesagt: Wir brauchen kurzfristig mehr Geld und eine schnelle Nachbesserung in dieser Situation, um die existenziellen Komplettausfälle der vergangenen zwölf Monate abzufedern. Langfristig darf es an einem öffentlich finanzierten Haus eine volle Abwälzung aller vertraglichen Risiken auf den Künstler mit Ausfallgagen auf Minimalniveau nicht mehr geben. Hier müssen dringend Lösungen für die Zukunft gefunden werden.

Warum gibt es seitens der politischen Entscheidungsträger keinen Lerneffekt, was die Hilfsprogramme betrifft? Irgendwann muss doch durchgedrungen sein, dass vieles vollkommen realitätsfern ist.

Die meisten Informationen gerade aus der Kunstwelt scheinen nicht bis zu den Entscheidern vorzudringen. Und wenn, dann scheint das Interesse begrenzt. Der vor einem Jahr entstandene Verein „krea[K]tiv – musiktheater stands up“ arbeitet in dieser Sache und an den langfristigen Belangen Freischaffender im Musiktheater. Es gibt gute Kontakte zur Kultusminister-Konferenz. Es ist aber extrem schwierig, mit diesen Informationen an die Entscheider heranzukommen.

Ist Ihnen das Publikum in dieser Debatte zu leise?

Ein starker Ruf des Publikums hätte Einfluss. Aber in den Medien wird über unsere Situation kaum informiert. Bei Markus Lanz wird jeden Abend über Inzidenzzahlen gesprochen, dazu wird gern Karl Lauterbach geladen. Den finde ich toll. Aber zumindest eine Talkshow, in der mal von der Kultur die Rede gewesen wäre, hätte ich mir schon gewünscht. Nur Jazzer Till Brönner war vor fünf Monaten nach einem millionenfach geklickten Facebook-Statement bei Anne Will – und wurde nach wenigen Minuten durch leere Worte des Kanzleramtsministers Helge Braun geradezu erstickt.

In dieser Pandemie hat sich also der wahre Stellenwert der Kultur in Deutschland offenbart.

Genau das ist es. Während die Menschen nach Kultur dürsten, scheint der politische Stellenwert nahe Null. Wobei es eine seltsame Diskrepanz gibt: Man baut tolle Konzertsäle wie in Hamburg oder München, es gibt gewaltige Opernsanierungen wie in Köln in Höhe von 800 Millionen Euro – und gleichzeitig wird signalisiert, dass für Künstlerinnen und Künstler kein Geld da ist. Das habe ich schon vor der Pandemie nicht ganz verstanden. Derzeit werden Häuser hingestellt, für die man am Ende vielleicht keinen Inhalt mehr hat.

Die Kulturetats dürften in den kommenden Jahren heruntergefahren werden. Wie ist der Gefahr zu entgehen, dass es für Künstlerinnen und Künstler noch schlimmer kommt?

Es ist zu erwarten, dass die Politik an der Kultur sparen wollen wird. Wenn die Etats sinken, kann ein Intendant nicht am fest angestellten Personal sparen – also ist der Solo-Bereich gefährdet. Diese Tendenz gibt es schon seit Jahren, nicht ohne künstlerische Defizite. Insofern muss man jetzt aktiv über die Situation reden. Wir haben trotz internationaler Exzellenz eben keine laute Lobby wie zum Beispiel der Fußball.

Und Ihre Prognose? Gibt es ein Weiterwursteln in Sachen Künstlerhilfe?

Ich habe einfach Angst vor der großen Sparflut, die nach der Pandemie einsetzen wird. Wenn man dem nichts entgegensetzt, riskiert man einen Komplettausverkauf der Kultur. Es müssen sich mehr Künstlerinnen und Künstler trauen, dagegen aufzubegehren, in guter Kooperation mit den vielen betroffenen Opernhäusern und Theatern. Und vielleicht besteht dann die Chance, dass es sogar zu einer neuen kulturellen Blüte kommt. Das wäre nicht hoffnungslos. Das Publikum ist schließlich ausgehungert, es braucht gerade jetzt ein umfassendes kulturelles Angebot, und das auf unserem weltweit einmaligen Niveau.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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