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Der Sänger-Regisseur bietet eine Rarität

München - Der berühmte Countertenor Axel Köhler inszeniert fürs Münchner Gärtnerplatztheater Georg Philipp Telemanns Barock-Oper „Der geduldige Socrates“.

Axel Köhler, Jahrgang 1960, ist in München kein Unbekannter. Der Altus mischte beim Siegeszug der Barockoper in National- und Prinzregententheater an vorderster Front mit: Als Tolomeo oder Nireno in Händels „Giulio Cesare in Egitto“ (1993), als Ottone in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ (1997) oder als Eustazio im „Rinaldo“. Auch an der Theaterakademie hinterließ er seine Spuren: Allerdings als Regisseur von Händels „Rodrigo“ und Brittens „Sommernachtstraum“. Jetzt ist der vielseitige Opernmann am Gärtnerplatz angetreten, um einen eher Unbekannten vorzustellen. „Der geduldige Socrates“ von Georg Philipp Telemann gehört zwar auch ins barocke Repertoire, aber in die Raritätenecke. Inszeniert von Köhler, dirigiert von Jörn Hinnerk Andresen erlebt die komische Oper morgen, 19.30 Uhr, ihre Münchner Erstaufführung.

„Während Händel bei seinen Opernstoffen in die Mythologie oder zu großen historischen Gestalten griff und die Weltpolitik mit Liebesaffären verknüpfte, bietet Telemann keinen Ansatz, seinen Sokrates philosophisch-politisch zu interpretieren. Regietheater geht hier nicht…“, lacht Regisseur Axel Köhler, der - Telemann folgend - Unterhaltung auf höchstem musikalischem Niveau bieten will. Telemanns 1721 in Hamburg uraufgeführte „Socrates“-Oper ist ein Lustspiel: Wegen der vielen Kriege und des dafür notwendigen Nachwuchses werden den Athenern per Gesetz zwei Ehefrauen verordnet. Das führt natürlich zu allerhand Eifersüchteleien und Verwirrungen. Die übrigens auf Deutsch (in den Rezitativen) und Italienisch (Arien) verhandelt werden. Köhler setzte bei seiner Regiearbeit auf Heiterkeit und hat den Zitatenschatz von Sokrates geplündert, um ihn anhand des Stücks zu „belegen“.

Am Gärtnerplatztheater musste der Regisseur gleich zwei Besetzungen auf seine Inszenierung einschwören. Für den seit elf Jahren inszenierenden Sänger kein Problem: „Das ist an vielen Theatern so. Hier sind beide Besetzungen typgerecht auf die Rollen abgestimmt und waren bei allen Proben dabei. Individualität können die einzelnen Sänger dann in ihren Soli ausleben.“ Mit Regisseuren wie Harry Kupfer, Peter Konwitschny, Peter Mussbach oder David Alden hat Köhler als Sänger viele Inszenierungen erarbeitet und dabei festgestellt, dass sie trotz klarer Vorstellungen stets auf die Sänger gewartet haben, auf deren Angebot. „Ich habe mich bei ihnen immer als Mitarbeiter gefühlt.“ Ob der Sänger Köhler es als Regisseur leichter hat als andere Kollegen? „Ich weiß es nicht, aber vielleicht habe ich einen Bonus, weil ich selbst auf der Bühne gestanden habe… Die meisten Sänger sind hungrig und neugierig, und ich mute ihnen nichts zu, was nicht geht. Sie müssen immer so platziert sein, dass sie das Orchester hören können, und die Körperhaltung darf dem gesanglichen Ausdruck nicht zuwiderlaufen.“ Dass Sängern heute auch darstellerisch viel abverlangt wird, gefällt dem Regisseur.

Er selbst gehört nämlich auch als Sänger zu den äußerst spielfreudigen Vertretern seines Fachs. Das lag übrigens zunächst um einiges tiefer: Denn der gebürtige Erzgebirgler begann seine Sängerkarriere als Bariton. Zum Countertenor wandelte er sich erst später. Und er hat es nie bereut: „Ich habe knapp 25 Jahre als Altus gesungen und alles erlebt: 30 CDs, sieben Uraufführungen, darunter Henzes ‚L’Upupa‘ und ‚Phädra‘. Das wäre mir als Bariton nie passiert.“ Kürzlich hat Axel Köhler sich in Leipzig singend von Händel verabschiedet - mit dem Trasimede in „Admeto“. „Es gibt mittlerweile so viele exzellente junge Countertenöre, da muss ich nicht in den Verteidigungskampf“, lacht er. Schon seit 2009 wirkt er an seinem Stammhaus in Halle als Operndirektor, und ab Herbst übernimmt er als Intendant die künstlerische Leitung des GmbH-Betriebes.

Nicht nur der Barock-Oper fühlt sich der Sachse verpflichtet. Auch die Operette hat er zur Chefsache erklärt. „Früher in der DDR gab es nichts Verlogeneres als die Operette. Wenn man in Leuna-Bitterfeld das ‚Weiße Rössl‘ spielte und keiner der Zuschauer konnte je zum Wolfgangsee fahren… Das ist heute anders. Unser ganzes Leben ist doch mittlerweile Operette - mit Bankenkrise und Verlogenheit. Satirisch und auch sarkastisch darf man da schon zulangen. Aber ich will das Publikum in der Operette nicht erziehen.“ In seiner ersten Intendanten-Saison überrascht der Chef die Hallenser mit einer neuen „Fledermaus“. Neben den Inszenierungen am eigenen Haus (2013 übernimmt er vielleicht den „Socrates“) gastiert der Sänger-Regisseur auch an anderen Opern.

Gabriele Luster

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