Sänger aus der Reserve locken

- "Es macht für den szenischen Unterricht einen totalen Unterschied, ob ein Student schon mal erlebt hat, was es bedeutet, vor Publikum zu stehen, oder nicht", sagt Stefan Spies, seit drei Jahren szenischer Leiter der Münchner Hochschule für Musik und Theater und Regisseur der Händel-Oper "Giulio Cesare in Egitto", die morgen, 19 Uhr, in der Reaktorhalle (Luisenstr. 37a,) Premiere hat. Deshalb wirken in der "Hochschul-Version" alle Jahrgänge, auch Erstsemester mit.

Entspringt die Auswahl der Oper einer persönlichen Vorliebe?

Stefan Spies: Im "grauen Hochschulalltag" sind die Beweggründe oft niedriger, als man von außen meint. Welche Sänger haben wir? Welche Oper können wir in diesem kleinen Rahmen realisieren? Außerdem ist es für die die Vita der Studenten, ihre Weiterbildung und ihr Repertoire wichtig, dass man neben Zeitgenössischem auch Klassisches macht. Die so genannten "kleinen Projekte" wie dieses sollen die Sänger auf die großen im Prinzregententheater vorbereiten.

Welche Herausforderungen birgt das Stück?

Spies: Was macht der Sänger während einer siebenminütigen Da-capo-Arie? Wie stellt man glaubwürdig die historischen Persönlichkeiten dar? Und wie verfällt man nicht in einen heldischen Ton? Wenn man sich nicht von der Musik verführen lässt, sieht man, dass alle Figuren nur strategische Schachspieler sind. Im Grunde genommen ist es eine sehr kalte Oper.

Was halten Sie davon, Opernszenarios in die heutige Zeit zu überschreiben?

Spies: Es ist interessant, aber es ist nicht meins. Für mich ist ganz wesentlich, Charaktere zu gestalten, die wirklich Geschichten erzählen können, was sehr schwierig ist. Ich finde, man sollte nicht mit dem puren Effekt beginnen. Als Regisseur fühle ich mich als jemand, der dem Werk dient. Wir siedeln "Giulio Cesare" in einer Machtarchitektur an: in einem symmetrischen Raum mit symbolhaften hohen Säulen und "Sarkophagen". Die Kostüme sind nicht naturalistisch, aber sie gehen von römischen und ägyptischen Grundformen aus.

Sie haben als Schauspielregisseur begonnen. Was reizt Sie an Opern?

Spies: Mich inspiriert die musikalische Vorlage in einer besonderen Weise. Ein Kapital, das wir hier haben, ist, dass der musikalische Leiter und ich von Anfang an zusammenarbeiten, sodass Musik und Szene einen Bogen geben.

Wie unterscheidet sich die szenische Opern- von der Schauspiel-Ausbildung?

Spies: Häufig ist es so, dass Sänger vom Typ her anders sind als Schauspieler: eher diszipliniert, eher ein bisschen konservativ. Die Schwierigkeit besteht dann darin, sie aus der Reserve zu locken.

Und auf was legen Sie dabei besonderen Wert?

Spies: Mir ist wichtig, dass die Sänger in jeder Sekunde wissen, was sie tun. Und dass sie sich bei der Premiere wohl fühlen. Sie sollen sich das, was man inszeniert, zu eigen machen. Wenn das funktioniert, dann hat der Zuschauer den Eindruck, dass es gar nicht anders sein könnte.

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