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Ein Ausnahmekünstler tritt ab: Thomas Quasthoff (hier 2005 mit Placido Domingo, (re.) beendet seine Karriere.

Sänger Thomas Quasthoff: „Ich gehe ohne Bitterkeit“

München - Er trat mit berühmten Orchestern und Dirigenten auf, Bach stand ihm so nahe wie Count Basie. Jetzt bricht der Ausnahmesänger Thomas Quasthoff seine Weltkarriere ab.

Es klingt wie ein Abschied – aber es ist keiner. „Ich habe dem Beruf viel zu verdanken und gehe ohne Bitterkeit. Im Gegenteil“, schrieb Thomas Quasthoff gestern, als er nach fast 40 Jahren seinen Rückzug von der Bühne bekanntgab. Der Bassbariton, dessen Stimme wie ein Donner erschallen kann, wird nicht mehr für seine Zuhörer singen. Nach einer beispiellosen Sängerkarriere tritt er mit 52 Jahren ab. Was seine Fans lange befürchtet hatten, ist nun Gewissheit: Bei seiner angeschlagenen Gesundheit ist Quasthoff das Konzertleben zu anstrengend geworden.

Ob bei Liedern von Mahler, Schubert und Brahms oder in seinen wenigen Opernauftritten – mit seiner dunklen, tiefen Stimme hat Quasthoff die Bühnen der Welt erobert. Er sang Jazz-Standards und die Matthäus-Passion, wenige Klassikkünstler sind so wandlungsfähig wie er. Quasthoff ist das Gesangsgenuschel fremd, jedes Wort sitzt.

Als „Contergan“-Kind ohne Arme zur Welt gekommen, hat Quasthoff seine Behinderung nie als Nachteil für seinen Beruf gesehen. Bis zu einem gewissen Alter sei das „schlicht nur ein Faktum, das man gar nicht weiter überblickt“, sagte er einmal in einem Interview mit der „Zeit“. Und vielleicht habe er dadurch eine emotionale Ebene geschaffen, die der Musik zuträglich ist.

Dass er eine besondere Stimme hat, wusste der im niedersächsischen Hildesheim geborene Quasthoff früh. In Hannover studierte er Gesang und Jura, begann zunächst als Sprecher beim Norddeutschen Rundfunk. Im Jahr 1987 gewann er den Würzburger Mozart-Wettbewerb, ein Jahr später dann den ARD-Wettbewerb in München. Seitdem sammelte er Preise und Auszeichnungen, mehrere Klassik-Echos, drei Grammys und den Karajan-Musikpreis.

Auch in der Oper sorgte er für Furore: Bei den Salzburger Osterfestspielen im Jahr 2003 sang er in Beethovens „Fidelio“ unter Sir Simon Rattle, in Wien den Amfortas in „Parsifal“. Mit schönem Singen rühre man Menschen nicht, man müsse auch schon etwas zu sagen und zu wagen haben, hatte er gesagt. Seine Behinderung wurde auf der Bühne zum Symbol für die Verletzlichkeit des Menschen. Zwischen seinen Klassik-Auftritten nahm sich Quasthoff stets auch Zeit für musikalische Umwege. „Ich habe immer Jazz gemacht und immer Jazz gehört.“ Im Jahr 2004, zur Verleihung des Alternativen Nobelpreises, sang er mit der Berlin Philharmonic Jazz Group. Der Trompeter Till Brönner saß damals im Publikum. Bei einem ersten Treffen entwickelten die beiden Musiker die Idee für eine gemeinsame Jazz-CD. „Wir hatten einen Nachbarn, der eine Single-Sammlung hatte, mehr als 300 Titel, von Bix Beiderbecke über Louis Armstrong bis Sydney Bechet – die habe ich rauf und runter gehört und aufgenommen“, erzählte Quasthoff von dem Ursprung seiner Liebe zum Jazz.

Immer wieder kehrte er aber zum Lied zurück. Als Professor der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule wird er auch nach seinem Karriereende den von ihm und seiner Frau Claudia gegründeten Gesangswettbewerb „Das Lied“ fortsetzen. Dann wird er im Saal sitzen und zuhören, für seine Schüler aber wohl ab und zu die Stimme erheben.

An der Münchner Staatsoper wurde Quasthoffs Entscheidung mit Bedauern aufgenommen: „Dass ein so berührend wie klangschön gestaltender Sänger wie Thomas Quasthoff beschlossen hat, nicht mehr aufzutreten, ist ein großer Verlust für die Musikwelt“, sagte Intendant Nikolaus Bachler. „Es ist zu hoffen, dass er sich in der Lage sieht, auf andere Art und Weise das weiterzugeben, was ihn als Künstler und Mensch auszeichnet.“ Quasthoff war zwischen den Jahren 2001 und 2007 im Nationaltheater bei drei Liederabenden aufgetreten. Seinen München-Auftritt am 3. Februar sagte er ab.

Esteban Engel

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