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Um das Menschlein aus Lehm in der Bühnenmitte entwickelt sich Nicola Hümpels Inszenierung nach Elias Canettis Stück „Die Befristeten“. Der Abend ist eine Koproduktion von Residenztheater und Münchener Biennale.

Premierenkritik

Sätze fürs Merkheft

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München - Es ist eine Kooperation von Residenztheater und Münchener Biennale: „Die Befristeten“ nach Elias Canetti im Cuvilliéstheater. Eine Premierenkritik.

Von jener Menschenfigur, die im Lauf des Abends auf der Töpferscheibe in der Bühnenmitte entsteht, bleibt am Ende nur ein Klumpen Lehm. Es ist ein schlichtes, auch naheliegendes und doch stimmiges Schlussbild, das Nicola Hümpel für ihre Inszenierung im Münchner Cuvilliéstheater gefunden hat. Wir alle sind „Befristete“; unser Leben ist endlich. Was wäre aber, wenn wir wüssten, wie lange wir zu leben haben? Würden wir mit dem Bewusstsein um unser Todesdatum unser Leben anders, gar besser gestalten? Kann, wer weiß, wie alt er werden wird, „seine Lebenszeit genau einteilen“ und diese „planen ohne Angst“, wie es in Elias Canettis szenischem Gedankenspiel „Die Befristeten“ heißt?

Der Literaturnobelpreisträger (1905–1994) hat sich obsessiv mit Werden und Vergehen des Menschen beschäftigt; postum ist unlängst sein „Buch gegen den Tod“ erschienen (wir berichteten). In den „Befristeten“, 1964 publiziert, beleuchtet Canetti in kurzen, schlaglichtartigen, oft kafkaesken Szenen, wie die Menschen einer nicht näher geschilderten Zukunft mit dem Wissen um ihre Lebensfrist existieren: Ihre Namen sind das Alter, das sie erreichen werden – wer auf eine höhere Zahl hört, ist begehrter als jene, die früh sterben werden. Es ist das Leben in einer statischen Gesellschaft, vorhersehbar, doch ohne Risiken. Bis ein Zweifler dieses System hinterfragt.

Canettis Text war Grundlage für Nicola Hümpel und Detlev Glanert. Die Regisseurin und der Komponist entwickelten ihren zweistündigen Abend als Koproduktion des Residenztheaters und der Münchener Biennale. Am Montag war umjubelte Premiere. Die Vorlage wurde bereits in den Sechzigerjahren zum Hörspiel; Bernd Alois Zimmermann schrieb damals die Musik dazu. Die Münchner Inszenierung ist indes kaum „Musiktheater“: Glanerts Komposition ist selten mehr als süffige Untermalung der Szenen; in nur wenigen Momenten fügt sie dem Abend Eigenes hinzu. Das Ensemble piano possibile spielt zwar mit Leidenschaft – doch es fehlt die Verzahnung zwischen Bühne und Graben. So bleibt die Musik oft Dekoration (siehe Kasten).

Manch überflüssige Girlande hat auch Nicola Hümpel in ihre Inszenierung geflochten. Ärgerlich und unnötig etwa, dass manche Darsteller Dialekt sprechen. Die Idee, Canettis Text um aktuelle Bezüge zu erweitern, funktioniert ebenfalls nicht immer. Zwar gibt es Szenen, die unsere Gier nach Selbstoptimierung in all ihrer Absurdität vorführen: Michaela Steiger liefert etwa ein herrlich-gefälliges Termin-Bombardement – in dem es letztlich um Entspannung geht. Doch manche Aktualisierung krepiert als Kalauer: „Tipp topp in Schuss bis zum Schluss.“

Da ist viel Überflüssiges, gewollt Komisches dabei, das diesem Abend unnötige Längen beschert. Wahrhaftig ist Hümpels Inszenierung immer dann, wenn die Regisseurin Betroffenheit zulässt und szenisch übersetzt: Da verlesen etwa die Protagonisten die Analysen ihres Speichels auf Erbkrankheiten (eine US-Firma bietet diesen Service für 99 Dollar an). Hier gelingt die Aktualisierung, weil Canetti weitergedacht wird. Schon in der Vorlage steht manch kluger Satz fürs Merkheft unserer kapitalistischen Gesellschaft. Dazu passt Oliver Proskes Drehbühne – Hamsterrad und Symbol fürs Verrinnen der Zeit: unaufhaltsam, gleichförmig. Den Kontrast bildet Yui Kawaguchi. In ihren Bewegungen – oft und sehenswert entwickeln sich die Choreographien im Dialog mit dem Ensemble – erzählt die Tänzerin von der Freiheit des Menschen.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 22., 23. und 27. Mai; Telefon 089/ 2185-1940.

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