Säurebad des Zweifels

- Susan Sontag schrieb 1964 in ihrem berühmten Essay "Against Interpretation", das Werk Franz Kafkas sei zum "Opfer einer Massenvergewaltigung geworden". Durch eine Legion von Interpreten nämlich, die sich alle den schwer zugänglichen Texten Kafkas in aufopferungsvoller Weise gewidmet haben. Der Verdruss richtet sich nicht gegen den Schriftsteller und seine Gleichnisse, sondern gegen die Unmenge von Büchern über diese Bücher.

<P>Anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahre 1983, als der Markt mit einer Flut von wissenschaftlichen Untersuchungen, Biografien und Bildbänden überschwemmt wurde, war dies besonders deutlich. Nun nähert sich der 120. Geburtstag, und rechtzeitig liegt der erste Teil einer neuen, auf insgesamt drei Bände angelegten Kafka-Biografie vor, die mit der Bezeichnung "umfassend" nur unzureichend charakterisiert werden kann.</P><P></P><P>Der Literaturwissenschaftler Reiner Stach rekonstruiert in seinem über 600 Seiten starken Band die entscheidenden Jahre Kafkas zwischen 1910 und 1915, in denen Kafka die Berlinerin Felice Bauer, die Frau seines Lebens, kennen lernte und sich als Schriftsteller erstmals profilieren konnte. Kafka verfasste in dieser Lebensphase seine großen Werke "Das Urteil", "Die Verwandlung", "Der Verschollene", "Der Heizer" und "Der Prozess"; seine Liebesbeziehung zu Felice Bauer beginnt und scheitert; der bislang religiös gänzlich desinteressierte Jude macht Bekanntschaft mit dem Zionismus, und, nicht zu vergessen: Der Erste Weltkrieg bricht aus. Für den hat Kafka aber an diesem Tag, unmittelbar nach der gelösten Verlobung mit Felice, herzlich wenig Interesse.</P><P>Der Folgeband, der 2006 erscheinen soll, wird sich ausschließlich mit den Jahren 1916 bis 1924 befassen, der Abschluss widmet sich den Jahren 1883 bis 1909. Hauptgrund für diese etwas eigentümliche Aufteilung ist die missliche Quellenlage: Erst wenn die Nachlässe von Max Brod und Oskar Pollak freigegeben werden, will sich Stach in knapp acht Jahren an die Bearbeitung des letzten beziehungsweise eigentlich ersten Buches machen.</P><P>Nach der Lektüre von "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen" jedoch steht fest: Der lange Atem wird sich lohnen. Atmosphärisch dicht rekonstruiert Stach das Leben des pflichtbewussten Prager Versicherungskaufmanns Dr. Franz Kafka, der sich in dieser kurzen Zeitspanne vom unauffälligen Junggesellen, der immer noch bei seinen Eltern wohnt, zum Meister des hintergründigen Humors und des präzisen Albtraums entwickelt.</P><P>Unvorstellbar waren die Opfer, die Kafka dem Schreiben brachte: Abgesehen von dem "schrecklichen Doppelleben" zwischen Bürotätigkeit und der hektischen Enge der elterlichen Wohnung, in der er erst ab 22 Uhr die Muße fand, seine künstlerische Nachtexistenz aufzunehmen, scheitert auch die vornehmlich auf Briefen basierende Liaison mit dem resoluten Fräulein Bauer an der Schriftstellerei und an dem selbstzerstörerischen Säurebad des ständigen Zweifels. So liest sich der Brief, in dem Kafka Felice einen Heiratsantrag macht, eher als eine Auflistung aller Gründe, diesen Antrag keinesfalls zu akzeptieren. Wie widersprüchlich sich eine Liebesbeziehung mit Herrn Kafka gestalten kann, zeigt sich wiederum an anderen, sehr fordernden und drängenden Liebesbriefen, die so gar nicht zu seiner eigentlichen Unentschlossenheit in Bezug auf Ehe und Familiengründung zu passen scheinen.</P><P>Mit Stachs Forschungsergebnissen und dem Material, das er in seinen ausgiebigen Recherchen zutage förderte, wird das bisherige Kafka-Bild in der Wissenschaft nicht gänzlich revidiert. Aber das Porträt des jungen, immer schüchtern lächelnden Mannes, der fast an seiner Leidenschaft für das Schreiben zugrunde zu gehen droht, wird schärfer und exakter konturiert. So hat Stach mit viel detektivischem Spürsinn den Nachlass von Felice Bauer in New York ausfindig gemacht und ausgewertet. Und auch die starke Einbindung der historischen Ereignisse des Ersten Weltkriegs in Kafkas kleine Welt wurde bisher noch von keinem Biografen geleistet. Der größte Verdienst Stachs aber ist es, das mitunter recht staubige Genre der wissenschaftlich ambitionierten Biografie mit viel Wärme und Herzblut zu versehen. Deswegen liest sich "Kafka. Jahre der Entscheidungen" wie ein spannender Roman, in dem der Protagonist zufällig auch ein paar bis heute sehr erfolgreiche Bücher verfasst hat.</P><P>Reiner Stach: "Kafka. Jahre der Entscheidungen". S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 673 Seiten, 29,90 Euro.</P>

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