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Hyperaktiver Schwertfuchtler mit dem Charme eines reinen Toren: In der Titelrolle kann sich Jakob Geßner an diesem sagenhaften Abend als germanischer Zappelphilipp voll entfalten.

"Siegfried" im Volkstheater

Sagen-Sause im Mythen-Stadl

München - Christian Stückls irrwitzig überdrehte „Siegfried“-Uraufführung rockt das Münchner Volkstheater. Lesen Sie hier die Kritik.

Puff, Peng, Zisch! Nein, diese Geschichte spielt in keinem gallischen Dorf – aber stilistisch auch nicht gar so weit davon entfernt. Denn es ist ein quietschfideler, knallbunter Comic-Strip, was man da zu sehen kriegt. Und zu hören! Ja, dieser Siegfried rockt das Münchner Volkstheater: „TNT“ sei er und „Dynamite“, röhrt er gleich am Anfang zu den Klängen der Band Fafnir Club, die am Bühnenrand musikalische Sprengkraft entfaltet. Manchmal rappt der blonde Recke auch, und am Ende trällert er das bekannte Chanson von Edith Piaf, mit dem er uns auf Französisch wissen lässt, dass er nichts bereut: „No, je ne regrette rien.“

Bereuen muss es aber auch der Zuschauer nicht, diese fast Singspiel-artige Germanen-Gaudi erlebt zu haben. Denn Hausherr Christian Stückl, der bei Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine Neufassung des Siegfried-Stoffs in Auftrag gab, hat die alte Geschichte vom Drachentöter und Walkürenbezwinger mit der Tarnkappe als grellen Mythen-Stadl uraufgeführt. Als schrille Sagen-Sause und irrwitzig überdrehte Farce, die notfalls auch als Kindertheater durchginge, wenn da nicht Zaimoglus Sprachmix aus Fäkaljargon und Stabreim-Posen wäre.

Schon der Drache sieht so naiv-realistisch aus, als sei er gerade einem Bilderbuch entkrochen. Und weil Siegfried ja ein niederländischer Königssohn ist, tritt seine Mutti Sieglinde als exakter Klon von Königin Beatrix auf (inklusive Hut). Ganz zu schweigen von den anderen Witzfiguren, die da auf einem grauen Plastikfelsen-Bühnenbild herumstolpern: Schmied Mimer (Oliver Möller), bei dem „Sigi“ in die Lehre geht, ist ein verwuschelter Hippie im Zottelpelz, der Münchhausen-Geschichten auftischt. König Gunther von Burgund erweist sich bei Frederic Linkemann als seifiger Maître de Cuisine mit Kochhaube, der seinem Gast Siegfried Burgunder kredenzt (was sonst). Und Hagen kommt mit Zauselbart, Flügelhelm und Faltenrock daher wie ein verzerrtes Germanenklischee auf den Kitschbildern des 19. Jahrhunderts. Einen der vielen Vögel dieses vogelwilden Polter-Abends schießt Meisterkomödiant Robert Joseph Bartl ab: erst als spießiger Hauslehrer Siegfrieds, aber dann vor allem als voluminöse Brunhild mit blonder Zopfperücke.

In der Titelrolle kann sich Jakob Geßner als mythischer Zappelphilipp voll entfalten. Sein Siegfried ist weniger Schlagetot und Haudrauf, sondern eher ein hyperaktiver Schwertfuchtler und Poser mit dem Charme eines reinen Toren. Mit staunend aufgerissenen Augen rempelt er durch die Welt – und macht schon mal für sein Schwert Reklame: „Balmung schneidet nicht nur sauber, sondern rein.“ Der Clou bei all dem ist, dass Geßner eben nicht einen Helden darstellt, sondern einen Heldendarsteller: die augenzwinkernde Karikatur eines kraftstrotzend naiven Kindes mit Harnischhosen und nacktem Oberkörper.

Von den dunklen Untertönen, die dem Text bei aller Komik eigen sind, lässt Stückls radikalhumoristischer Zugriff (der bloß im Rhythmus manchmal noch holpert) wenig übrig. Das ist nicht nur legitim, sondern erweist sich unversehens als trickreich. Denn während man sich noch prächtig amüsiert über diese durchgeknallte Recken-Revue, stellt sich so etwas wie ein absichtsloser Verfremdungs-Effekt ein: Durch die Persiflage treten alle Darsteller in Distanz zu ihren Figuren.

Aber das epische Kasperl-Theater, das so entsteht, gewinnt gerade in seiner Künstlichkeit der Geschichte etwas seltsam Ursprüngliches zurück, weil Stückls groteske Übertreibungen als Äquivalent der inhaltlichen Übertreibung erscheinen, die zur Natur des Mythos gehört, in seiner naiven, authentischen Form. Auch insofern war’s ein „sagenhafter“ Abend. Heftiger Applaus.

Alexander Altmann

Weitere Vorstellungen

2., 4., 26. April sowie 3., 4. und 9. Mai. Telefon 089/ 523 46 55.

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