Sahnehäubchen

- Er war ein Sexsymbol, die Erotik an sich, eine Ikone des Jetset und von 1961, dem Jahr seines Absprungs in den Westen, bis zu seinem Aidstod 1993 einer der größten Medienstars. All das bewirkte, dass auch ein Publikum, das sonst nie ins Ballett ging, Sturm rannte, um den tartarisch-russischen Tänzer Rudolf Nurejew zu sehen. Sein Charisma (allein sein Name) ist posthum noch Kassenmagnet: Bei der von seinem Manager Luigi Pignotti initiierten "Gala Rudolf Nurejew" hing im Münchner Prinzregententheater das Ausverkauft-Schildchen.

Tyrannischer Perfektionist

Wie viel dieser "Thank-You-Rudy"-Abend made in Mailand tatsächlich mit dem Ausnahmekünstler zu tun hat - man will nicht so genau darüber nachdenken. Nurejew hatte Klasse, selbst in löcherigem Trikot und Wollmütze. So wie er da als Großprojektion auf Pignotti herabblickt, der eine Danksagung an ihn herbetet, die ins Deutsche übersetzt werden muss, könnte er gedacht haben: "Gut gemeint Luigi, aber bisschen hausbacken."

Versäumt hat Pignotti eine Einführung in Nurejews von der Mailänder Scala gepflegten Klassiker-Neuinszenierungen, die hier ausschnittweise getanzt wurden - zumindest einen Hinweis auf Nurejews Stil: hochgradig schrittdicht, oft virtuos-anorganisch gegen den Körper, genau dadurch so interessant, aber natürlich auch schwieriger zu tanzen als die Urfassungen.

Besonders deutlich zu sehen bei den "Dornröschen"- und "Nussknacker"-Pas-de-deux, in denen sich vier junge Scala-Solisten nicht schlecht geschlagen haben. Nurejew allerdings, ein geradezu tyrannischer Ultraperfektionist, wäre nicht zufrieden gewesen (und in Rage geraten beim fehlerhaften Programmheft).

Kleine Entschuldigung: der gelenkschädigende Bühnenboden, der selbst die beiden "flugsicheren" Stars zum Abbremsen zwang. Der Argentinier Maximiliano Guerra fetzte mit Paola Vismara "Don Quixote" und den "Diana & Aktäon"-Pas-de-deux hin. Staatsballett-Superballerino Alen Bottaini lieferte, jeweils mit der glänzenden Monica Perego, ein Hochform-Heimspiel in "Corsaire" und im "Schwarzen Schwan". Mit seinem modernen Jacques-Brel-Solo tupfte er noch ein Sahnehäubchen drauf.

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