Sahnetorte statt Scheiterhaufen

Berlin - Schlingensief und eine triumphale szenische Uraufführung in Berlin: Walter Braunfels` Oper "Jeanne d`Arc".

Der Jubel wurde ihm dann doch übermittelt. Per SMS-Mitteilung oder Handy-Standleitung, adressiert an ein Irgendwo, über das beharrliches Schweigen gebreitet wurde. Wer sich nach Christoph Schlingensiefs Befinden erkundigte, wurde mit einer Pantomime abgespeist: geschmerzte Miene, Deuten auf den Brustkorb. Bis dann in der Aufführung irgendwann gemalte Bronchien aus dem Schnürboden herniederfuhren, an denen zwei Lungenreste hingen - vielleicht muss man manche Antworten gar nicht so genau wissen.

Kein stimmungstrübendes Buh, der wohl größte Erfolg der Deutschen Oper Berlin in der Ära der gezausten Intendantin Kirsten Harms: So etwas hatte keiner zu träumen gewagt, als Schlingensief "aus persönlichen Gründen" ausstieg und Mitarbeiter die Regie zu Ende führten. Einer womöglich. Und der Einsatz des Münchner Star-Architekten Stephan Braunfels für den Großvater Walter Braunfels, dessen Musik die Nazis einst verboten, erfährt hier eine triumphale Rechtfertigung: Die szenische Uraufführung von "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna" ruft nach Folge-Produktionen. Und beschämt zugleich Opernhäuser mit einer Repertoire-Politik, die unterm Strich das fortführt, was Nazis und eine dogmatische Nachkriegsmoderne bei dem verspäteten Romantiker angerichtet hatten.

Vorausgesetzt freilich, die "Johanna" wird nicht als lebendes Andachtsbildchen nachbuchstabiert. Braunfels' Spätwerk, das kirchenkritische Burlesken, traditionelle Lamento-Arien und Klangmassierungen der Grande Opera zusammenbindet, stets grundiert von einer gebrochenen, herbstlaubfarbenen Harmonik, dies alles braucht die Konfrontation mit starken szenischen Zeichen. Affirmativ und kulinarisch à la Richard Strauss ist Braunfels nie. Ein "Ja, aber" scheint in dieser Musik mitzuschwingen, ein Skrupel vor dem eigenen Wirken, aber auch ein sich Sehnen nach Klangwelten, die sich gegen avantgardistische Entwicklungen kaum mehr stemmen können.

Der Berliner Zugriff kommt diesem Komponisten also gerade recht. Mag ein gemaltes Transparent ironisch und fehlerhaft gekleckst verkünden "Nach Aufziechnungen von Schlingensief": Präsent ist der kranke Meister in jeder Sekunde. Was sich zwischen vier Turmgerüsten abspielt und mit reichlich Video-Zauber überblendet wird, wirkt dabei wie Schlingensiefs ausgelichteter Bayreuth-"Parsifal".

Meckernde Ziegen werden da über die Bühne geschleift, es gibt ein Rollstuhl-Ballett, eine Kleinwüchsige übernimmt den Text anderer Figuren, Karl von Valois bekommt einen (stummen) behinderten Bruder beigesellt, da Vincis Abendmahl wird zitiert, Filmaufnahmen aus Nepal zeigen verbrennende Leichen und Schlingensief, wie er sich den weißen Anzug ritualhaft bemalen lässt - und manches bleibt gottlob nur gemalte Regie-Anweisung ("Tote Kuh fällt vom Schnürboden").

Das Ende Johannas naht im Krankenhaus-Ambiente (alles nur eine Vision?), statt Scheiterhaufen gibt's eine Sahnetorte mit Feuerwerk. Stringenz und Logik: Fehlanzeige. Stattdessen eine Überdosis Assoziations- und Bildwut. Eine dieser typischen Schlingensief-Performances eben, die ihr Heil in der Gleichzeitigkeit von scheinbar Abseitigem sucht.

Und die ohne den Meister viel kanalisierter wirkt, in schwachen Momenten gar altbackene Arrangements zeigt. Nur mühsam können da Projektionen Uraltgesten tarnen. Dennoch ein Welttheater-Wust, der um Vergänglichkeit, Tod und Religion kreist, sich dabei lustvoller und viel weniger verbissen gibt als etwa das Theater eines Hans Neuenfels, der am selben Ort seinen Idomeneo bekanntlich Götter meucheln lässt.

Vieles dieser "Johanna" ist obsessiv und stark, selbstironisch und autobiografisch, manches auch, was gar nicht schlimm ist, einfach nur läppisch. Breiten Raum gibt Braunfels der Beziehung der Titelheldin zu Gilles de Rais, lässt dabei einen pikanten Mix aus Bewunderung, Hörigkeit und Erotik anklingen. Bei Schlingensiefs Team ist Gilles ein insektenhafter Mephisto und damit Gegenpol zu Johanna im weißen Unschuldshängerchen: Dieser Fremdling kann und will nie Teil einer bornierten Gesellschaft sein, die Ketzer ins Feuer schickt.

Morten Frank Larsen bietet für Gilles die passende Bariton-Wucht mit Schmirgelpapier-Timbre. Überstrahlt wird er freilich von Mary Mills als Johanna, die manchmal ihre lyrische Erziehung vergisst, der Partie dann große, sehr berührende dramatische Momente abringt. Ein grandioses Rollenporträt.

Groß wird dieser Abend nicht dadurch, dass die Deutsche Oper auf Schlingensiefs PR-Effekt baut, sondern allererste Kräfte in die Arena schickt: ein Sängerensemble ohne eine einzige Schwachstelle, einen großartigen Chor und einen Dirigenten, der - so wird erzählt - die Produktion in Krisenzeit vor dem Scheitern bewahrte.

Ulf Schirmer, der Chef des Münchner Rundfunkorchesters, hat sich tief in die Klangwelt der "Johanna" hineingewühlt. Den großen Volksszenen gestattet er Wucht, ohne sie an den Effekt zu verraten. Aber noch imponierender ist, wie Schirmer mit dem Orchester der Deutschen Oper Braunfels' eigentümlicher Klangsprache nachspürt, ihrer harmonischen Verästelung, ihren Atmosphärenwechseln und zartbitteren Momenten. Ovationen - sie dürften vielen Intendanten die Ohren klingen lassen.

Weitere Aufführungen:

2., 6., 17., 31. Mai

Telefon 030/ 343 84 343.

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