L'Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt ist gestorben

L'Oréal-Milliardärin Liliane Bettencourt ist gestorben
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Sein Leben wurde Kinostoff: Saliya Kahawatte (li.) zusammen mit Kostja Ullmann, der ihn in „Mein Blind Date mit dem Leben“ spielt, bei der Premiere in München. Der Film startet am Donnerstag in den Kinos.

Gespräch zum Kinostart

Blind sind die anderen

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Saliya Kahawatte hat 15 Jahre in einem Hotel gearbeitet, obwohl er kaum sehen kann – von den Vorgesetzten unbemerkt.

Tatsächlich hat er nicht im Bayerischen Hof gelernt, sondern in einem Hotel in Niedersachsen – ansonsten ist die irre Geschichte, die „Mein Blind Date mit dem Leben“ erzählt, ganz nah dran am echten Leben. Saliya Kahawatte heißt der Mann, der seinen Ausbildern einst nicht erzählte, dass er fast blind ist. Über alle Hürden hinweg hat er seinen Weg gemeistert, ist heute Motivationstrainer und hat eine inspirierende Autobiografie geschrieben („Mein Blind Date mit dem Leben“. Bastei Lübbe; 10 Euro). Wir trafen den 47-Jährigen zu einem Gespräch über die innere Kraft, die in uns allen darauf wartet, genutzt zu werden.

-Man sieht den Film und denkt: Das muss doch Hollywood-mäßig erfunden sein. Wie viel Wahrheit steckt tatsächlich drin?

Ich finde, dieser Film ist eine sehr wahrhaftige Bebilderung eines Lebensabschnittes, nämlich meines eigenen. (Lacht.) In der Hotellerie und in der Ausbildungszeit. Das haben sie grandios umgesetzt.

-Im Film kommt es irgendwann zum Zusammenbruch. Wann war für Sie der Moment, an dem Sie gemerkt haben: Ich muss es jetzt allen sagen?

Der Totalzusammenbruch kam deutlich später mit Alkohol, Drogen, Medikamentenabhängigkeit. Wir haben es im Film etwas vorgeschoben, damit wir den dramaturgischen Bogen besser hinkriegen. Überfordert gefühlt habe ich mich vom ersten Tag an. Und Sucht war immer Thema.

-Wieso setzen Sie lieber darauf, die Behinderung geheim zu halten?

Wenn man sagt: „Ich hab eine Behinderung“, dann sind die Leute erst mal skeptisch. Man schafft Distanz. Als Erstes heißt es immer: „Ja, wenn du so wenig sehen kannst, meinst du dann, dass du das hier hinkriegst? Nicht, dass du die ganze Hütte zerlegst!“ Wenn man sich selbst vermarkten möchte als Behinderter, sagt man am besten nicht, was man hat.

-So ist unsere Gesellschaft?

Der gesunde Teil der Gesellschaft. Bis dann jemand selbst einen Unfall hat und schwerbehindert ist – dann bricht das System sofort auseinander und man ist komplett überfordert. Insofern ist der Film ein Plädoyer, dass ein Mensch mit Handicap etwas schaffen kann. Es reicht nicht, nur von Inklusion zu sprechen, wenn es keiner lebt. Auch der Sehbehinderte muss eine Haltung entwickeln. Nämlich die, mit seinem Schicksal umzugehen. So kann man’s auch machen, Leute – das ist die Message.

-Was Sie geleistet haben, scheint übermenschlich. Sie mussten sich jeden Weg, jedes Menü auf der Karte, jeden Platz vom Glas bis zur Weinflasche merken – wie geht das bitte?

Ich kann mir einfach wahnsinnig viel merken. Ich habe ein episodisches Gedächtnis, das heißt, ich speichere gleich ins Langzeitgedächtnis.

-Insofern sind Sie ein außergewöhnlicher sehbehinderter Mensch. Anderen fiele das vermutlich nicht so leicht...

Ich betreue einige Jugendliche, die sehbehindert sind, und die machen es genauso. Wenn man jung ist, kann das Gehirn mitwachsen. Deswegen ermuntere ich die Kids: Versucht es, wählt nicht gleich den Weg in das soziale Sicherungssystem. Wenn es euch überfordert, ist das okay. Aber wenn es euch nicht überfordert, dann zieht es bitte durch.

-Wie viele Menschen sind Ihren Weg gegangen?

Es sind einige und es werden noch mehr. Aber es gibt auch viele, die sagen, das könne alles gar nicht sein. Klar: Ich habe mich etwas Ungewöhnliches getraut, und wenn man Ungewöhnliches tut, muss man damit leben, dass es Menschen für ungewöhnlich halten – und für unmachbar. Meine Oma kommt aus Sri Lanka, sie kann nicht lesen und nicht schreiben, sie hat zu Silvester gesagt: „Da, wo die Rakete explodiert, da ist die Welt zu Ende.“ Ihr konnte ich nie vermitteln, dass ein Flugzeug nach Deutschland fliegt. Aber nur weil sich jemand etwas nicht vorstellen kann, heißt das nicht, dass es nicht geht. Lange denkt die Gesellschaft, dass etwas unmöglich ist, bis es jemand tut.

-Woher haben Sie diesen Kampfeswillen?

Ich würde das nicht als Kampfeswillen hinstellen. Wenn man ein Brot backen möchte, braucht man Mehl, Hefe und Wasser, und wenn man mit einer Behinderung eine Herausforderung annehmen möchte, braucht man Mut, Entschlossenheit und Vorstellungskraft.

-Das hört sich so leicht an. Aber woher nimmt man Mut, Entschlossenheit und Vorstellungskraft?

Mut ist das beste Medikament gegen Angst. Angst habe ich natürlich immer, auch heute noch. Doch wenn man viel von diesem Medikament Mut zu sich nimmt, kann man die Angst überwinden. Und merkt, dass man durch eine Mauer brechen kann, die einem die Gesellschaft gibt. Ich habe einen Blindenstock und eine Blindenbinde – aber ich entscheide selbst, wann ich es für angemessen halte, dass ich der Gesellschaft zeige, dass ich hier nicht weiter kann und Hilfe brauche.

-Wie wichtig ist Humor? Können Sie genauso über die Behinderung witzeln wie im Film?

Nun ja, das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht. (Lächelt. Pause.) Doch ich hatte auch Niedergänge, mit Suizidversuch und Psychiatrie. Ich bin ja wirklich daran zerbrochen, mehrfach sogar. Ich bin fast an Krebs gestorben. Ich habe einen hohen Blutzoll gezahlt. Weil ich mich viel zu oft überfordert habe.

-Was hat Sie immer wieder dazu gebracht weiterzumachen?

Ich sage mal ganz banal: Wenn es immer heißt: „Du musst in die Blindenwerkstatt“ – und man schafft trotzdem Realschule, Abitur und Ausbildung, dann sagt man doch: Ihr könnt mir viel erzählen! (Lacht.)

-Sie sind praktizierender Buddhist. Wie hilft Ihnen Ihr Glaube?

Der Buddhismus lehrt uns, sich nicht immer in eine Defensive zurückzuziehen, als „der Kranke“, der „vom Schicksal Geschlagene“. Ich nehme diese Haltung nicht mehr ein. Dieses ständige „Mir geht’s so furchtbar! Die Wirtschaftskrise... Hartz IV!“ Ich habe aus Hartz IV mein Unternehmen gegründet. Wenn ein Problem in mir liegt, muss ich es lösen, nicht mein Therapeut oder sonst wer. Veränderung fängt immer bei einem selbst an, und dann verändert sich vielleicht das Umfeld. Weg von der Erwartungshaltung hin zu der Haltung: Das ist dein Job, mach’s!

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