Salzburg: Ausgeliefert an die Liebe

- Wie ein Getriebener hetzt Tito durch die kahlen Beton-Flure. Wie ein Museumsstück wird er, auf seinem Bett in der marmornen Halle sitzend, von den Touristen bestaunt. Wie ein Gefangener verstrickt er sich in den Fesseln seines eigenen Gürtels und "kämpft" sich stockend durch seine Arien, denen jede oberflächliche Bravour ausgetrieben ist. Sieht so eine Krönungs-Oper, ein Huldigungs-Werk aus?

Sicher nicht. Schon nach der Uraufführung 1791 in Prag soll Kaiserin Maria-Luisa "una porcheria tedesca" (eine deutsche Schweinerei) geschimpft haben, und auch am Mittwochabend nach der Wiederaufnahme von Mozarts letzter Oper "La clemenza di Tito" in der Salzburger Felsenreitschule verrieten ein paar kräftige Buhs im Schlussjubel, dass nicht alle im Publikum die düstere Lesart von Nikolaus Harnoncourt und Martin Kusej aushalten konnten oder wollten.

Harnoncourt fordert höchste Konzentration

"Das Werk handelt eigentlich von der Zerbrechlichkeit der Beziehungen zueinander, von den Irrungen der Liebe. Was eine Freundschaft - jetzt denke ich an Tito und Sesto - ertragen muss und aushalten kann, zeigt das große Rezitativ zwischen beiden, das ist ein Psychodrama." Was Harnoncourt verbal behauptet, beglaubigt er mit jeder Phrase. Zumal ihm die Wiener Philharmoniker lammfromm folgen und sich auch die Sänger schonungslos einlassen auf das Psychodrama, das hier szenisch kühl, zuweilen verstörend, musikalisch oft stockend und langsam, aber immer beklemmend abläuft. Harnoncourt fordert höchste Konzentration, denn keine Arie, kein Ensemble schnurrt einfach so ab. Nirgendwo gibt es sicheren Grund.

Auffahrende Mittelstimmen, spitze Begleitfiguren irritieren, und selbst Bassettklarinette (bei Sestos "Parto"-Arie) und Bassetthorn (Vitellias Rondo) dienen nicht nur dem Schönklang, sondern der Auseinandersetzung der Protagonisten mit sich selbst. Die Unsicherheit, die Zerrissenheit, die Schutzlosigkeit dieser an Liebe, an Freundschaft, an sich selbst Ausgelieferten spiegelt Harnoncourt in permanenten Schwankungen von Dynamik und Tempo. Da tasten die Figuren sich in ihren Arien langsam zu sich selbst vor, singen sich quasi Mut zu für ihre großen Affekte.

Bravourös verinnerlicht haben dies naturgemäß jene Sänger, die schon 2003 bei der Premiere dabei waren: Michael Schade, der den Tito als einen Psychopathen, einen von seiner "clemenza" krankhaft gesteuerten Menschen darstellt. Dabei gestattet er ihm viele weiche, lyrische Momente und bietet doch, wenn gefordert, heldischen Glanz und Koloratur-Souveränität auf. Vesselina Kasarova offenbart mit jeder Geste, jedem emotional stimmigen Ton, wie verletzlich ihr Sesto ist, der, von seiner hörigen Liebe getrieben, zum Freundes-Verräter, zum Mörder wird. Und Nikolaus Harnoncourt "verweigert" ihm mit extrem zurückgenommenem Orchester (zu Beginn des letzten Rondos) sogar den Schutz der Musik.

Dorothea Röschmann scheut sich nicht, ihre herrische, nervös ihr Ziel verfolgende Vitellia in Spitzentönen hysterisch aufzuladen, doch fehlt es ihrem runden, klangvollen Sopran an der Tiefe, in die Mozart sie "stürzen" lässt. Neben dem zuverlässigen Luca Pirasoni als markantem Publio bewährt sich Malena Ernman als neuer, burschikoser Annio, der im Duett mit Servilia (Veronica Cangemi sprang für Barbara Bonney ein) so anrührend zart die wahre Liebe beschwört.

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