Salzburg: Harnoncourts "Zumutung"

- Selbst Bruckner-Experten schreckten davor zurück: Erst als er die 60 überschritten hatte, wagte sich Günter Wand an die fünfte Symphonie. Erst dann, dies gab er zu, hatte er sie so weit begriffen, dass er ein Konzert riskieren konnte. Denn anders als die Vierte oder die Siebte, die mit nachvollziehbareren Verläufen, auch mit süffigerem Material locken, ist die Fünfte das sperrigste, in seiner einschüchternden Kontrapunktik komplizierteste Opus des Meisters.

Nimmt sich nun ein Dirigent wie Nikolaus Harnoncourt die Fünfte vor, dann ist klar, dass nichts beschönigt wird. Schon allein deshalb war seine Aufführung bei den Salzburger Festspielen - im positiven Sinne - eine Zumutung. Kollege Christian Thielemann, der die Fünfte als Antrittswerk in München wählte, führte damals eine erstaunlich organische, "logische" Deutung vor. Harnoncourt nun lässt musikalische Erdspalten klaffen, verkleistert Schrundiges nicht, legt die Wunden, das Unvereinbare und Widerstreitende offen, so, als ob sich der 80-Minüter plötzlich in seiner ganzen Schutzlosigkeit offenbart.

Bestechende Bruckner-Deutung

Über Ruhemomenten geistert keine diffuse Mystik, Harnoncourt begreift so etwas als Innehalten, als Zögern: Zuerst, das scheint er zu demonstrieren, muss sich die Musik ihrer selbst bewusst werden, muss manches in Frage stellen, bevor die Entwicklung weiter vorangebracht werden kann. Überraschend auch, dass der Choral, den Bruckner zum triumphalen Durchbruch bringt, nicht feierlich verbreitert wird. Mit den Wiener Philharmonikern klingt da eine protestantische Strenge durch, die Klischees vom "katholischen" Bruckner widerlegt. Und spürbar wird auch, wie stark dieser Komponist im Volkstum wurzelt: Das flüssig genommene, taumelnde Adagio, auch das Trio des Scherzos lassen Tanzboden-Atmosphäre ahnen. Am Großartigsten freilich gelang das Fugen-Finale, das Harnoncourt und die Philharmoniker so durchleuchteten, dass seine Komplexität fast ohne Partitur hörbar wurde.

Eine bestechende Aufführung also, in der kein Takt beiläufig verstrich, in der die Philharmoniker risikoreich und in einer solchen Intensität spielten, wie sie (leider) in Salzburg nicht zu ihrer Tagesordnung gehört. Bruckner als ins maßlose gesteigerte Kammermusik: ein Erlebnis, das die Zuhörer erst nach Schocksekunden zum Applaus provozierte.

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