Karlsruhe erlaubt G20-Protestcamp - aber stark eingeschränkt

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Der Krampf der Elemente

Salzburg - Pereiras Kasperltheater: Mit „Das Labyrinth“, dem zweiten Teil der „Zauberflöte“, pfeift Salzburg auf seine Festspielwürde. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

„Seid ihr alle daaa?“ Für einen Moment glaubt man, sich verhört zu haben. Intendant Alexander Pereira hat ja auch etwas anderes gesagt: „Wie schön, dass Sie alle gekommen sind.“ Und dass man das Dach des Residenzhofes in der Pause wegen der schwarzen Wolke zugemacht habe. Dass dieses Dach „von Ihnen“ (Verneigung vor dem Sponsor in Reihe eins) bezahlt worden sei. Und dass man es später wieder aufmachen könne. Sprach’s und tänzelte vergnügt zurück ins Parkett. Jetzt kommt das Krokodil, mindestens aber der Kasperl.

Nein, es ist Ivor Bolton. Und wenigstens er tut sein Äußerstes für die Reanimation dieser Archivleiche. Peter von Winters „Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen“ muss man nicht spielen. Allerhöchstens hier, bei den Salzburger Festspielen. Dann gern – wie geschehen – einige Tage nach der Premiere von Teil eins, nach Mozarts „Zauberflöte“. Und dann auch mit einem Dirigenten wie Bolton und einem Ensemble wie dem Mozarteumorchester. Das lässt die Musik mit alten Blechinstrumenten richtig schön lärmen, setzt Dramatik unter Extra-Druck und Dauer-Furor und verhindert, dass Peter von Winters Arienlyrik die Gehörgänge verklebt.

1978 brachten Wolfgang Sawallisch, August Everding und Jürgen Rose eine gekürzte Fassung im Cuvilliéstheater heraus, als Beiprogramm zur legendären, noch immer gezeigten „Zauberflöte“ im Nationaltheater. Heute heißt so etwas im Kino „Sequel“, damals war’s auf der Wiener Bühne der „zweyte Theil“. Die Motivation ist dieselbe: Peter von Winter (1754-1825), Gründer der Münchner Akademiekonzerte, schuf auf Geheiß von „Zauberflöten“-Dichter und Ur-Papageno Emanuel Schikaneder eine Fortsetzung des Hits, sicherheitshalber nach Mozarts Tod.

Der „kurpfalz-bayrische Kapellmeister“ schrieb dazu eine Musik zwischen Gluck’scher Dramatik, Michael Haydns Gebrauchsklassik und Volksliedton. Schikaneders Reime schreien nach Veredelung durch Wolfgang Amadé. Die doppelchörigen Ensembles, vom exzellenten Salzburger Bachchor mit Wucht und biegsamem Klang gesungen, haben jedoch Biss. Am besten ist die Ouvertüre mit allerliebreizendem Glockenspiel, die einlädt zum Erkennen-Sie-das-Motiv-Spiel in Sachen Mozart.

Alle sind wieder dabei, dazu Mama und Papa Papageno. Man ahnt, wie viel Mozart einst verhindern und verbessern musste bei Schikaneder: Die Handlung bewegt sich nun weg von feinsinniger Menschendarstellung in Richtung Spektakel, sogar bis zur finalen Schlacht, was dem Humanisten Sarastro („kennt man die Rache nicht“) eigentlich gar nicht steht. Wobei Schlacht: Wer das Stück vorher liest, freut sich auf eine Effektenparade – die Salzburger ham’s doch, oder?

Doch davor steht Alexandra Liedtke mit ihrer ersten Opernregie. Der schwebte ein Wiener Pawlatschentheater vor. Aber statt Kasperlfest im Hinterhof erlebt man Budenzauber light, sehr light sogar. Ein wackeliges Theaterchen mit klemmendem Vorhang nebst austauschbaren Prospekten steht auf der Bühne. Die riesige, aus drehbaren Elementen zusammengesetzte Glühbirnenwand stammt mutmaßlich aus der ORF-Showresterampe. Auf weißer Sichel gibt’s Paminachens Mondfahrt. Vom stückbestimmenden Labyrinth keine Spur. Ansonsten viel aufgeregte Leerlauf-Routine. Und wenn’s dramatisch wird, machen alle ein böses Gesicht.

Provinz? Studententheater? Die Schmähungen, die schon in der Pause kursieren, blenden ja aus, dass – sagen wir – in Straßwalchen oder an der Uni St. Pölten mutmaßlich höchst passable Kunst produziert wird. Und als Off-Produktion, mit hochmotivierten Nachwuchssängern, als schräges, maßloses, das Publikum einbeziehendes Theater ginge „Das Labyrinth“ durchaus in Ordnung. Auch in Salzburg.

Was noch hinzukommt: Pereiras Besetzung ist von allen guten Vokalgeistern verlassen. Festspielwürdig eigentlich nur Clemens Unterrainer (Tipheus), Philippe Sly (Sithos) und Klaus Kuttler (Monostatos), mit Abstrichen Michael Schade, ein heldischer Tamino, der aussieht wie eine hemdberüschte Escamillo-Parodie. Christof Fischesser (Sarastro) fühlt sich sichtlich deplatziert, rettet sich mit sonorem Rauhbass. Völlig überfordert: Malin Hartelius, die sich durch die koloraturengespickte Pamina-Partie mit übersäuertem Sopran trickst.

Alle sind Opfer der Akustik im Residenzhof, wo die Zuhörer auf viel zu flacher Tribüne sitzen müssen. Vor der Pause, noch ohne Sponsoren-Dach, können sich manche Stimmen nur schwer durchsetzen, nach der Pause hallt’s und dröhnt’s fast wie im Dom nebenan. Wer sich dreieinhalb Stunden lang zwickt, kriegt blaue Flecken: Nein, das ist tatsächlich Salzburger Festspiel-Realität. Hol’s doch das Krokodil.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

9., 14., 16., 21., 24., 26.8.;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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