Salzburg: Muti und das Schicksal

- Gegen das Klischee kann die Musikwissenschaft noch so anschreiben, gegen das berühmte "Da, da, da, daaa" als Klopfzeichen, wenn das Schicksal mal wieder die Türklingel nicht findet: Für einen programmatischen Leitfaden taugt das abgenutzte Bild allemal. Und so fand sich Beethovens fünfte Symphonie beim Konzert der Wiener Philharmoniker in direkter Nachbarschaft zum "Coro di Morti", dem Chor der Toten von Goffredo Petrassi (1904- 2003) und dem "Schicksalslied" von Johannes Brahms wieder.

Riccardo Muti hatte diese beziehungsreiche Kombination für die Salzburger Festspiele erdacht - und sich vor allem auf die beiden Chorwerke konzentriert. Petrassis Opus, das unter dem Eindruck der Kriegserklärung Italiens entstand, verbindet barocke Chortradition mit einem expressiven, harmonisch aufgerauten Orchesterpart. Die scharfen Gesten, die atmosphärischen "Störungen", auch die skurrile Rhythmik wurden eindrücklich realisiert. Leider blieb der Wiener Staatsopernchor dahinter nur kraftvolle, diktionsarme Klangfolie.

Ähnliches bei Brahms' "Schicksalslied" auf einen Hölderlin-Text, von dem lediglich Spurenelemente zu verstehen waren. Muti erzielte in der Schilderung der "Götterlüfte" wirklich eine eigentümlich schwebende, transzendierende Wirkung, um das Ensemble dann beim "leidenden Menschen" zu einer eher prachtvollen denn verschreckenden Drastik anzustacheln.

Angesichts des Salzburger Dauer-Einsatzes der Philharmoniker musste die Fünfte wohl von selbst funktionieren. Tatsächlich gab's im ersten Konzert, angesichts von Mutis Rasanz, kleine Unschärfen und Irritationen, ansonsten eine markige, imposante, doch irgendwie entschärfte Deutung. Was weniger nach Filigranarbeit klang, eher nach Sumo-Ringer auf dem Schwebebalken. Großer Jubel - "da, da, da, daaa" funktioniert ja immer.

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