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Liebesuchender Sonderling: Johannes Martin Kränzle als N. mit Mojca Erdmann (Ariadne).

Salzburg: Umjubelte Uraufführung der Nietzsche-Oper "Dionysos“

Ob Stücke schwindeln können? Denn sich ihn, der selbst einer Art Theaterfigur zu ähneln beginnt, einer Mischung aus Molière und Falstaff, sich also diesen zum Schlussjubel sympathisch hereintippelnden Tanzbären der modernen Musik vorzustellen, als sei er von Obsessionen geplagt, das scheint dann doch absurd.

Aber so muss es Wolfgang Rihm mit dem Dionysos-Stoff gegangen sein. Weniger mit dem sagenhaften antiken Rauschbringer, sondern mit seiner schwärzesten Weiterführung in den „Dionysos-Dithyramben“ des schon fast irrsinnigen Friedrich Nietzsche.

Mehrfach bereits flackerte der Stoff in Rihms Schaffen auf. Und dass er vor einiger Zeit die Musik seiner neuen „Opernphantasie“ in den Orkus schickte, um neu zu beginnen, hört man diesem im Salzburger Haus für Mozart uraufgeführten „Dionysos“ – typisch Rihm eben – nicht an. Es ist die perfekte Partitur für der Welt teuerstes Festival: edel, gehaltreich und gut. Und ein Zeugnis dafür, wie weit Rihm auf dem Weg vom Kämpfer zum Kulinariker vorangekommen ist.

Nietzsches expressive Auseinandersetzung mit dem Dionysos-Mythos, folglich auch mit dem Ariadne-Stoff, mit blutgetränkten Kult-Elementen, diese in zerstückelter Symbolsprache hingeworfene Lyrik treibt Rihm noch eine Umdrehung weiter. Aus der Nietzsche-Vorlage montierte er ein Libretto, das weniger Handlung, als vielmehr Stoff-, Zitat- und Ideenspiegelung ist. Im Mittelpunkt: N. als Wiedergänger Nietzsches, dem Rihm als konkurrierendes und helfendes Alter Ego einen „Gast“ beigesellt.

Weitere Vorstellungen:

30.7., 5. und 8.8.; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

Einsam ist dieser N., liebesuchend, in seinem Wollen und Werben jedoch immer mehr in sich selbst versinkend. Rihm schickt ihn in Situationen, die auf Nietzsches Biografie anspielen, die aber auch der Opernhistorie entlehnt sind. Wagners „Rheingold“ mit den Alberich neckenden Rheintöchtern grüßt herein, die Strauss’sche „Ariadne“ sowieso und viel Zitatwerk – vom imitierten Bach-Choral über einen Zeitlupen-Jodler und einen Mänaden-Walzer bis zu Rihms eigener, früherer Nachstellung eines Schubert-Lieds. Erwartungsgemäß ist „Dionysos“ souverän instrumental abgeschmeckt. Wie ein schweres, manchmal süßliches Parfüm legt sich Rihms streichersatte Kunst über den Text. Auch in dramatischen Ballungen, beim Einsatz des Schlagwerks und der Blechbatterie, beim skandierenden Gesang des Wiener Staatsopernchores, bei alledem bleibt Rihm kalkulierender Ästhet. Und dass er sich auf Sichtweite der Tonalität bewegt, Konflikte in hemmungsloser Dur-Romantik auflöst, muss beim Ironiker Rihm nicht unbedingt „wörtlich“ genommen werden.

Die Besetzung

Dirigent: Ingo Metzmacher.

Regie: Pierre Audi.

Bühne: Jonathan Meese.

Kostüme: Jorge Jara.

Video: Martin Eidenberger.

Chor: Jörn H. Andresen.

Darsteller: Mojca Erdmann, Elin Rombo (Sopran), Virpi Räisänen (Mezzosopran), Julia Faylenbogen (Alt), Johannes Martin Kränzle (N.), Matthias Klink („Ein Gast“, Apollon), Uli Kirsch („Die Haut“).

Bizarrer, exaltierter ist die Stimmbehandlung. Spätestens seit der „Proserpina“ ist Mojca Erdmann so etwas wie Rihms Sopran-Muse. In der Doppelrolle von Ariadne/ erster Sopran muss sie einen weit gespreizten Ton-Umfang bewältigen, wird bis zum hohen E getrieben – was Mojca Erdmann mit verblüffender Technik und Intensität gelingt. Klangschön, mit heller Tenor-Offensive, aber etwas forcierter gestaltet Matthias Klink („Ein Gast“, Apollon). Johannes Martin Kränzle, dem von liedhafter Lyrik über Heldenbaritonales bis zum Sprechgesang alles abverlangt wird, hat die Zentralpartie des N. zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit gemacht. Gerade in Rihms ständig geforderten Wort-Wiederholungen, die – in jeweils neuer klanglicher und deklamatorischer Variation – für Nietzsches offene Lyrik quasi verschiedene Lösungen anbieten, hat Kränzle großartige Momente. Und dass diese Solisten vom Deutschen Symphonie-Orchester und einem kundig strukturierenden, dann wieder befeuernden Ingo Metzmacher gestützt werden, ist vielleicht der größte Glücksfall des Abends.

Eine Oper sei dieser eigentlich doch oratorische „Dionysos“, darauf pocht Rihm. Und müsste dann aber noch ein Regie-Team finden, das der Vorlage distanzierende wie befruchtende Akzente entgegensetzt. Bei Pierre Audi (Regie) und dem überraschend brav vorgehenden Performance-Mann Jonathan Meese (Bühne) bleibt „Dionysos“ ganz kühle, klare, bebildernde Installation. Meeses Pointen (die vom Chor gelesenen Zeitungen „Nietzsche total“) sind eher brav – und bleiben hinter dem Wahnwitz der Vorlage zurück. Aber mag Rihm vom Dionysischen künden: Womöglich hält er es selbst lieber mit jenem Gott, den er am Ende N. begegnen lässt, mit dem ordnenden, schönheitstrunkenen Apollon. Höchste Zeit, dass einer einmal ein Stück über Rihm schreibt. Aber wahrscheinlich besorgt er das ja seit Jahrzehnten selbst.

Markus Thiel

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