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Brigitte Hobmeier feiert ihr Salzburg-Debüt in einer Uraufführung von Händl Klaus.

Salzburger Festspiele 2012: Zwischen Urknall und Millionenjagd

Salzburg - Die Salzburger Festspiele stehen vor einem Umbruch. Am Freitag präsentierten der neue Intendant Alexander Pereira und sein Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf die Saison 2012. Ihr erster Erfolg: Vier Millionen Euro konnten zusätzlich eingetrieben werden.

Vor allem „einmalig“ müssen Festspiele sein, so lautet das Credo von Alexander Pereira. „Die Sonntage des Theaters“, wie ihm Sven-Eric Bechtolf beipflichtet. Ein Ausnahmefall also, den Wiederaufnahmen nur konterkarieren. Gerade dies war dem neuen Intendanten mit Blick auf Salzburger Gepflogenheiten ein Dorn im Auge. Seine Aufführungen soll es im Regelfall nur einen Sommer geben. Bloß: Das kostet. Pro Produktion bis zu 800 000 Euro mehr als Aufgewärmtes vom Vorjahr.

Seit seiner Wahl im Mai 2009 hat Pereira, gebürtiger Wiener und bislang Chef des Opernhauses Zürich, also mit Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler bei Geldgebern antichambriert, auch um Tarifsteigerungen aufzufangen. Rund vier Millionen Extra-Einnahmen sind dabei zusammengekommen. Zwei Drittel davon durch Sponsoren, ein Drittel durch eine „punktuelle Preiserhöhung“, von der die untersten Kategorien ausgespart wurden. Wer also in der ersten Opernreihe sitzen will, zahlt nun bis zu 400 Euro.

Das Festival dauert

eine Woche länger

In seiner ersten Salzburger Spielzeit vertraut der 64-jährge Pereira nicht nur aufs Geld, sondern auch auf himmlische Hilfe. Ab sofort starten die Festspiele eine knappe Woche früher als sonst, 2012 am 20. Juli. Und dies mit einer „Ouverture spirituelle“, mit einer Reihe kirchlicher Werke, für die unter anderem Alte-Musik-Star John Eliot Gardiner, Zubin Mehta und Salzburg-Rückkehrer Claudio Abbado verpflichtet wurden.

Ansonsten schmeckt Pereiras erste Saison nicht nach radikalem Bruch, sondern nach Evolution. Die Rolle der Wiener Philharmoniker wird gestärkt, bei vier Opern sitzen sie künftig im Graben. Die Reihe mit zeitgenössischer Musik heißt nun, nach dem Weggang von Konzertchef Markus Hinterhäuser, nicht mehr „Kontinent“, sondern „Salzburg Contemporary“. Ansonsten bleibt es bei den klassischen Programmstrecken mit nur geringfügig verändertem Inhalt.

Fünf neue Opernproduktionen bilden das Zentrum der nächsten Festspiele. Nikolaus Harnoncourt konnte zu einer „Zauberflöte“ überredet werden. Zudem gibt es einen zweiten Teil dieses Hits: „Das Labyrinth“ des Mozart-Zeitgenossen Peter von Winter. Sven-Eric Bechtolf inszeniert die Urfassung von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ (mit Molières „Bürger als Edelmann“). Und eigentlich will Pereira pro Jahr eine Uraufführung bieten, wegen des kurzen Planungsvorlaufs kommt es 2012 indes nicht dazu, dafür immerhin zu Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“. Die Kulinariker werden dafür mit einer Promi-„Bohème“ beruhigt – immerhin der erste Puccini bei Salzburgs Sommerfestspielen.

Ebenfalls für Gourmets offeriert Bechtolf im Schauspiel regelmäßig „ein großes Stück des Kanons“, 2012 ist das Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“. Der neue Theaterchef liebäugelt auch mit anderen Formen: Salzburg widmet sich beispielsweise dem Figurentheater oder einem Kinderstück. Überhaupt ist das Thema Jugendarbeit nun auch am weltweit exklusivsten Festivalort angekommen. Während die Eltern also in Robe und Smoking große Oper konsumieren, können sie die Kleinen so lange zum „Mitspieltheater“ schicken. „Möglicherweise wissen dann die Kinder besser über Puccini Bescheid als Mama und Papa“, hofft Alexander Pereira.

Das letzte Festspieldrittel, wenn die Besucher nicht mehr so strömen wie zu Beginn, will er aufwerten. Eine Opernpremiere wird in diese Zeit verlegt, überdies werden dann die Übernahmen von den barocken Pfingstfestspielen gezeigt. Außerdem gibt es erstmals einen Festspielball mit Dinner in der Residenz nebst anschließendem Halligalli in der Felsenreitschule, Disco inklusive. Und irgendwann, das ließen Pereira und Bechtolf durchblicken, wagt man sich auch an ein Sakrileg: Christian Stückls „Jedermann“ soll in den nächsten Jahren durch eine andere Inszenierung ersetzt werden.

Seine Zürcher Vergangenheit kann der neue Intendant nicht verleugnen. „La Scintilla“, die Originalinstrumententruppe der dortigen Oper, hat er für 2012 verpflichtet, ebenso das Ballett dieses Hauses. „Wir in Zürich“ , diese Formulierung verwendete Pereira gleich mehrfach bei der Pressekonferenz – von Präsidentin Helga Rabl-Stadler mit zitroniger Miene kommentiert: Nicht nur dank Pereiras Qualitäten als Zürcher Sponsorenjäger wird also Salzburg ein Stück weit eidgenössischer. Und dass der Intendant mit dem religiösen Urknall schlechthin, mit Haydns „Schöpfung“ (unter Gardiner) in seine Intendanz startet, möchte er bitte nicht falsch verstanden wissen: „Meine Urururgroßmutter hat die erste Haydn-Akademie mit diesem Werk finanziert.“

Markus Thiel

Informationen unter www.salzburgerfestspiele.at

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