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Sie müssen ihre einstigen Lieben vergessen: Maria Bengtsson (Fiordiligi, li.) und Michèle Loisier (Dorabella).

Salzburger Festspiele: Claus Guth krempelte „Così fan tutte“ um

Salzburg - Eine kleine Schlange, „un serpentello“, sei dieser Amor. „Dolcezza e gusto“, Süßes und Genuss, bringe er, glaubt die frisch entflammte Dorabella.

Wie es eben so klingt, wenn man sich die Katastrophe schönsingt. Dabei türmt sich doch anderes vor ihr auf: Betrug, Partnertausch, Verrat, tief Erschütterndes mithin, das schwächere Naturen eher zum Brückensprung treibt. Deshalb gibt’s Amor hier gleich doppelt: Als schwarze Todesboten geistern Alfonso und Zerlina durch die keimfreiweißen Kulissen. Gefallene Engel, teuflische Strippenzieher sind das, die an den beiden Paaren aus Mozarts „Così fan tutte“ ein teuflisches Laborexperiment vollziehen.

Als Wiederaufnahme hatten sich Salzburgs Festspiele diese Produktion gedacht. Herausgekommen ist im Haus für Mozart glatt eine Premiere: Regisseur Claus Guth, der vor zwei Jahren bei „Così“ stark schwächelte, hat (fast) alles umgekrempelt. Aus dem schicken Loft seines Bühnenbildners Christian Schmidt wurden alle Stahlrohrmöbel entfernt. Was bleibt, ist wenig: ein abweisender, mehrstöckiger Raum mit Galerie und Treppe. Ein kafkaeskes Riesenstudio, in das sich die „Così“-Paare hineingeworfen fühlen. Wer mag, kann Zitate aus Science-Fiction-Filmen erkennen. Vor allem bei der abgezirkelt marschierenden Zerlina: Anna Prohaska fühlt sich als kühles Girlie merklich wohl, singt herrlich aufgekratzt und doppelbödig – auch wenn ihr die Partie etwas zu tief liegt.

Das Bissige, Böse von Mozarts irritierendster Oper erfährt bei Claus Guth, dem Psycho-Mann der Szene, noch eine Verstärkung. Und doch birgt sein Laborversuch ein Problem: Wo sich irregeleitete Liebe mit Handauflegen oder Spritzen eines dämonischen Duos erklärt, ist alles determiniert und manipuliert. Viel Raum für persönliche Schuld, die eigentliche Tragödie des Stücks, bleibt da nicht mehr.

Gleichwohl ist Guths Experimentalstudio eine aufregende, stückgemäß verstörende Sache. Und irgendwann, wenn Fiordiligi und Dorabella ihre früheren Lieben vergessen, dringt der Wald in diese Gefühlsklinik: jener dunkle Tann aus Guths Salzburger „Don Giovanni“, der Triebhaftes symbolisiert. Lustvoll wälzen sich die Damen da in der Erde und bekräftigen mit Dreckschrift auf weißen Wänden ihr neues Leben: „Si!“

Mehr noch als die Edel-Stilistin Michèle Loisier (Dorabella) lässt Maria Bengtsson die emotionalen Verstrickungen Fiordiligis zu Klang und Spiel werden. In der nie zu druckvollen „Felsen-Arie“, mehr noch im „Per Pietá“: ein Pianissimo-Zaubermoment, so berückend wie bestürzend, in dem sich das ganze Drama zu konzentrieren scheint – auch wenn Dirigent Marc Minkowski mit energischer Handbewegung hustende Gala-Gäste ermahnen muss.

Der Franzose ist mit seinem Ensemble „Les Musiciens du Louvre“ auf einen hochtourigen Gute-Laune-Mozart geeicht. Und der überrumpelt auch aus anderen Gründen: Am Hammerklavier sitzt Francesco Corti. Der begnügt sich nicht mit Rezitativ-Gezirpe, sondern riskiert Kommentare bis zu Wagners „Treulich geführt“. Außerdem bringt Minkowski Guglielmos Arie „Rivolgete a lui sguardo“, die der Meister höchstselbst strich und die seitdem ein Dasein als Konzertstück fristet.

Explosives, auch Farbkräftiges wird von Minkowski ausgekostet. Mehr nach Lust als nach Melancholie klingt das – und erreicht deshalb nicht ganz die Fallhöhe von Guths Bühnensprache. Wo stärkere Kontrolle gefragt wäre, zum Beispiel beim viril auftrumpfenden Christopher Maltman (Guglielmo), da interessiert sich Minkowski eher fürs große, muntere Ganze. Dennoch: Dieses Ensemble ist ein Festspiel-Glücksfall. Auch dank Alek Shrader. Der gibt nicht den Schöngeist, sondern ist ein Sturm-und-Drang-Ferrando, der zu gern emotionale Wechselbäder nimmt. Einzig Bo Skovhus ist von der Premierenserie übrig geblieben. Sein Alfonso mag vokal ergraut sein, zur Inszenierung passt das aber perfekt.

Dass dieses Konzept nach der Pause aufweicht, ist gar nicht entscheidend und tut der Theorielast sogar gut: So wie der Wald ins Loft dringt, so scheint sich da auch Mozart sein Stück allmählich zurückzuerobern. Kein Buh, nur Jubel: „Così“-Reparatur geglückt – und da behaupte noch einer, Opernwerkstätten seien nur bei der Bayreuther Konkurrenz möglich.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

am 15., 19., 21. und 26. 8.; Karten unter der Telefonnummer 0043/ 662/ 8045/ 500.

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