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Waltraud Meier (re.) brillierte als Gattenmörderin und Herrscherin Klytämnestra.

Salzburger Festspiele: Daniele Gatti dirigiert „Elektra“

Salzburg - Daniele Gatti dirigierte bei den Salzburger Festspielen Richard Strauss’ Oper „Elektra“, die Nikolaus Lehnhoff inszeniert hat. Die Kritik:

Die Handlung

Von einem einzigen Wunsch ist Elektra besessen: ihren Vater Agamemnon zu rächen, der von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Liebhaber Aegisth ermordet wurde. Chrysothemis, Elektras Schwester, hat dafür kein Verständnis. Ein Unbekannter taucht auf. Er gibt sich Elektra als ihr Bruder Orest zu erkennen, tötet schließlich Klytämnestra und Aegisth. Nach einem wilden Freudentanz bricht Elektra tot zusammen.

Erste Premiere eine Uraufführung (Rihm), später zwanzigstes Jahrhundert (Berg), dazwischen behutsam aufgedröselte Vorklassik (Gluck): Schwere Zeiten sind das für Salzburgs Gala-Gemeinde. Gerade hier, wo man sich mit dem Emotionsmenü gern bedienen lässt, anstatt zum gedanklichen und hinhörenden Self-Service anzusetzen. Letzter Ausweg Richard Strauss also? Vor diesem Hintergrund hat „Elektra“, die finale, prompt von Merkel, Westerwelle & Co. heimgesuchte Neuproduktion der diesjährigen Festspiele, jedenfalls ihren Zweck erfüllt.

Eine Schlacht. Im Orchestergraben sowieso. Dazu verborgen hinter einem Metalltor, das am Ende Klytämnestra am Fleischerhaken freigibt. Und im Publikum, wo sich Applaus ohnehin direkt proportional zur musikalischen Dezibelproduktion verhält. Man merkte und hörte es dem schwer arbeitenden und ebenso stöhnenden Daniele Gatti, einem heißen Kandidaten für Münchens Nagano-Nachfolge, an: Vor sich mit den Wiener Philharmonikern das weltbeste Strauss-Orchester - warum also sollte dabei nicht die weltbeste „Elektra“ herauskommen?

Zu bestaunen gab es einiges. Die aufregenden Tanz-Rhythmen im Monolog der Titelheldin, das Starkstrom-Melos in den Streichern, die extrem profilierten Bläsereinwürfe, auch Strauss’ Hang zum Lautmalerischen, den Gatti betonte, wenn er immer wieder Sturmmusik durch die Partitur fahren ließ. Das Ergebnis: eine in die Oper überführte, wie entgrenzte, maßlose Tondichtung. Selbstbewusst und brillant musiziert - aber auch rücksichtslos, mochte Gatti den Sängern noch so brav Einsätze signalisieren. Dass „Elektra“ mehr ist als eine Mega-Symphonie mit Vokal-Beilage, ignorierte Gatti sogar in den zurückhaltenden Konversationston-Passagen. Nicht nur Waltraud Meier, wohl eine der stimmschönsten, erotischsten Klytämnestras der Stückgeschichte, trieb es da auf der Suche nach dem besten Akustik-Spot an die Rampe.

Die Besetzung

Dirigent: Daniele Gatti.

Regie: Nikolaus Lehnhoff.

Bühne: Raimund Bauer.

Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer.

Choreographie: Denni Sayers.

 Video: Martin Kern.

Chor: Thomas Lang.

Darsteller: Waltraud Meier (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Eva-Maria Westbroek (Chrysothemis), Robert Gambill (Aegisth), René Pape (Orest) und andere.

Iréne Theorin als Titelheldin ließ sich gleich ganz hinter die Philharmoniker zurückfallen. Gattis Interpretation, die auch einige wenige Buhs erntete, hätte einer Stahlstimme à la Birgit Nilsson bedurft. Ihre schwedische Landsfrau nahm den Kampf gar nicht erst auf, beließ es bei blässlichen, nur durch gelegentliche Konsonanten unterbrochenen Vokalisen. Gewiss, in den Extremmomenten der Partie sind stimmliche Verzerrungen unausweichlich. Dass man indes bei Iréne Theorin kein Wort verstand und nur unebene, nicht optimal zentrierte Hochdramatik hörte, ließ Böses für ihre geplante Münchner Turandot ahnen.

Genau das Gegenteil: René Papes kerniger, kantiger Orest, während sich Eva-Maria Westbroek als Chrysothemis gelegentlich zum Forcieren verführen ließ, dennoch die glaubwürdigste Charakterstudie lieferte. Ihre Chrysothemis ist eine qualvoll Zerrissene. Ein Mädchen, der Jugend gerade entwachsen, das hilflos Halt sucht. Sei es im Kinderwunsch, oder sei es bei der Schwester, deren inzestuösem Liebkosen und Ermutigen sie sich kaum entwinden kann. In solchen Momenten zeigt sich auch, worauf Regisseur Nikolaus Lehnhoff bei der Inszenierung hinauswill: nicht auf eine verdoppelnde, exaltierte Körpersprache, sondern auf anderes.

Seine „Elektra“-Deutung, die mit der Erfahrung des psychologisierenden, soliden Altmeisters skizziert ist (manchmal auch ins routinierte Arrangement driftet), interessiert sich für die intimen Momente. Schafft Situationen, die diese Musik nicht bebildern, sondern die alle klangliche Eruption als Ausdruck innerer Vorgänge begreift. „Konventionell“ mag das nur bei vordergründigem Hinschauen sein, entspricht es doch letztlich mehr dem Stück als bluttriefender Hyperrealismus. Raimund Bauers monumentale Bühne lässt dabei der Musik genug Raum. Ein kühn gekippter Betonbunker, in dem manches Kostüm an die Dreißigerjahre erinnert, der aber auch für eine problematische Akustik sorgt: Nur an der Rampe und vor der geschlossenen, zentralen Stahltür sind die Stimmen am besten zu hören.

Nicht Rache und Vergeltung suchen die drei Frauen dieser „Elektra“, sondern Nähe, Liebe. Klytämnestra, wenn sie, fernab vom sonst üblichen Muttermonster, körperliche Nähe und Zärtlichkeit bei der „bösen“ Tochter sucht. Chrysothemis, deren ziellose Emotion sie verzweifelt umtreibt. Und letztlich auch Elektra, die beim Erkennen ihres Bruders nicht triumphiert, sondern kraftlos an der Wand zusammensackt und sich dem Todestanz verweigert.

Nur eine Figur gibt es, die auf kalte Rache sinnt. Ganz folgerichtig ist Orest bei Nikolaus Lehnhoff gleichsam entpersönlicht, am Ende, wenn der Muttermord offenbar geworden ist, auch tödlich gefährdet. Schon kriechen da die Erynnien als schwarz gefiederte Rachewesen aus den Bodenöffnungen. Und man ahnt, wer nach Fallen des Vorhangs am zweiten Fleischerhaken hängen wird.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

12., 16., 20., 23., 28. August;

Karten unter Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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