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Dramatik für Christoph Willibald Glucks Werk „Orfeo ed Euridice“ kommt vor allem vom Wiener Staatsopernchor.

Salzburger Festspiele: Dorn inszenierte, Muti dirigierte „Orfeo ed Euridice"

Salzburg - Münchens Staatsschauspiel-Intendant Dieter Dorn inszenierte, Riccardo Muti dirigierte „Orfeo ed Euridice“ bei den Salzburger Festspielen. Die Kritik:

Die Handlung:

Orfeo beweint den Tod seiner Frau Euridice. Da erscheint Amore, der ihm freudige Nachricht bringt: Er darf in den Hades. Wenn Orfeo die Furien dort mit seinem Gesang rührt, kann er Euridice ins Diesseits mitnehmen. Voraussetzung: Orfeo darf sich beim Marsch zurück nicht nach seiner Frau umdrehen. Letzteres passiert aber, Orfeo verliert Euridice ein zweites Mal. Bevor er sich umbringen kann, bringt ihm Amore die Gattin zurück.

Irgendwann muss er sich davongestohlen haben. Heimlich runter vom fliegenden Teppich, auf dem Griechenlands Götter in Würde erstarrt über ihr Recht wachen. Und Amore kommt gerade rechtzeitig: als Orfeo ein zweites Mal die Gattin verloren hat, sich mit dem Kleid Euridices erdrosseln will. Dank Amore geht die Sache bekanntlich gut aus: Liebe ist subversiv, augenzwinkern da Gluck und sein Librettist Calzabigi. Noch dazu, augenzwinkert Regisseur Dieter Dorn, wenn Amore eine Frau ist, von Sopranistin Christiane Karg so quellfrisch, auch so erotisch knisternd gesungen wird, dass man im ersten Akt denkt: Orfeo und Amore, auch ein schönes Paar.

Sieben Jahre ist es her, dass Dieter Dorn, Chef des Bayerischen Staatsschauspiels, in Salzburg inszenierte. Damals die Uraufführung von Henzes „L’Upupa“, doch eigentlich, so führt nun „Orfeo ed Euridice“ vor, liegt ihm anderes. Der Klassizismus des Opern-Evolutionärs Gluck, seine sorgsam dosierte Dramatik, das subtil balancierte Kräftedreieck der Figuren, all das passt zur klaren, luftigen, nur scheinbar unaufgeregten Bildsprache des Ästheten Dorn und seines ewigen Ausstatters Jürgen Rose.

Die Tragödie hebt an zur Ouvertüre. Wie vom letzten C-Dur-Akkord gefällt, sinkt Euridice zusammen und in den Orkus, während auch der Graben mit Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern nach unten fährt. Was nun folgt, ist eine Elegie über den Verlust, aber auch über die Hilflosigkeit zu trauern. Steine legt der Chor auf Euridices hinterlassenes rotes Kleid, doch Trost, Erfüllung findet der waidwunde Held in anderem.

Die Besetzung

Dirigent: Riccardo Muti.

Regie: Dieter Dorn.

Ausstattung: Jürgen Rose.

Choreographie: Ramses Sigl.

Chor: Thomas Lang.

Darsteller: Elisabeth Kulman (Orfeo), Genia Kühmeier (Euridice), Christiane Karg (Amore).

Dass Dorn diesem Manne der Musik Doppelgänger mit Leiern beigesellt, ist dabei mehr als eine Vervielfachung: Am Ende streifen diese Orfeos die Anzüge ab, werden in roten Kleidern zu aufreizenden Euridice-Rivalinnen: Wem also, fragt die Aufführung, ist der antike Sänger eigentlich verfallen? Ein weiteres Mal köcheln hier Dorn und Rose ihre jahrzehntelang erprobten Zutaten von der Vorhangblende bis zur aufgerissenen Szene neu zusammen. Von Roses Bühnenschachteln ist ein Riesenrahmen übrig geblieben. Der stützt die Sänger im Großen Festspielhaus ideal - zumal Dorn im Vorfeld keinen Hehl daraus gemacht hat, dass er eigentlich im kleineren Haus arbeiten wollte.

Die Unterwelt gibt es als gelbe Spiegel-Hölle, in der sich die gefallenen Seelen effektvoll ums Kleid Euridices balgen, bis die Macht der Musik solch Materialismus stoppt, im Elysium promenieren die seligen Geister wie adrett gewandete Kurgäste. Es ist ein Abend der kleinen, unterschwellig wirkenden Zeichen. Der seine Spannungsverlagerungen aus der Musik heraus entwickelt, die Temperatur von Glucks Partitur erfühlt. Und der auch am stärksten ist, wenn er sich auf Allzumenschliches konzentriert: etwa auf das unverhohlene Werben Amores, auf den im Widerstreit in sich zusammensackenden Orfeo oder auf die verständnislos an ihm zerrende Euridice.

Elisabeth Kulman scheint dabei in diese Aufführung wie hineingeboren: keine Sängerin, die den Orfeo in (nur äußerliche) Dramatik kleidet, die jeden Ton manieriert auf Bedeutung untersucht. Die Österreicherin singt in ihrer ersten großen Salzburger Rolle mit natürlichem, unverfälschtem, klug gebündeltem, vor allem in der Höhe resonanzreichem Mezzo-Klang, ist im Spiel eher zurückhaltend - und mithin das Gegenteil von Genia Kühmeier, deren üppige Euridice-Lyrik in dieser Oper leider kaum Einsatzmomente hat.

Mag sein, dass Dorns Feinsinn manchen irritiert. Doch wer nach mehr Pranke ruft, hat sich im Stück geirrt - zum schmutzenden Furor taugen, ob szenisch oder musikalisch, andere Orpheus-Vertonungen. Und dennoch: Wenigstens Spurenelemente aus der historischen Musizierpraxis hätte man Wiens Philharmonikern gegönnt. Aber Riccardo Muti serviert Gluck als klangliche Haute Cuisine. Zwar lässt er das Streicher-Melos unverfettet ausspielen, gestattet den Bläsern im Hit des seligen Geisterreigens herrliche Soli, dimmt das Orchester stets sängerfreundlich. Doch in der Höllenszene wird Dramatik an den lautstarken, sonst geschmeidig singenden Wiener Staatsopernchor delegiert, während Muti seinen Vorlieben frönt: Gluck mit der Goldkante.

Gut, dass solch Edel-Ambition wenigstens im Finale geerdet wird. Orfeo und Euridice sind vereint, da lassen Dorn und Choreograph Ramses Sigl eine muntere Meute auf die Bühne zur Beziehungskrisen-Schau. Es darf gelacht werden. Und schlägt dann doch in Lähmung um: die komplette „Orfeo“-Ballettmusik, da wird selbst der Gluck-Fan dem Härtetest ausgesetzt. Wie das eben so ist, wenn ein Taktstock-Star die Sache mit der „Macht der Musik“ ganz anders verstanden hat.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

3., 7., 13., 19., 21., 24.8.; Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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