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Stefan Hunstein, der an die Münchner Kammerspiele wechselt, als Liebhaber von Irene, gespielt von Elsie de Brauw, Frau des Kammerspiele-Intendanten Simons.

Salzburger Festspiele: Eine sadistische Jagd

Salzburg - Die aus Münchner Sicht wichtigste Schauspielpremiere bei den Salzburger Festspielen begann am Mittwoch mit einem sehr schönen, aber - leider - falschen Bild. Denn es zeigte Liebe, wo Langeweile der Antrieb ist.

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler inszenierte die Uraufführung von Stefan Zweigs „Angst". Sein Dramaturg Koen Tachelet hatte die 1910 geschriebene Novelle für die Bühne adaptiert. Der Abend entstand zusammen mit den Münchner Kammerspielen, hier wird „Angst" am 6. November herauskommen.

Im Salzburger Landestheater bot sich daher die Möglichkeit, einen ersten Blick auf das zu werfen, was der neue Intendant der Kammerspiele, Johan Simons, in seiner ersten Spielzeit vorhat. „Angst" wird in München nicht der einzige epische Text bleiben, der dramatisiert und inszeniert wird. Zudem sind in dem zweistündigen Abend neben André Jung und Katja Bürkle auch zwei neue Schauspieler der Kammerspiele zu erleben: Stefan Hunstein, der vom Bayerischen Staatsschauspiel herüberwechselt, und Elsie de Brauw, die ihrem Mann Johan Simons nach München folgt.

Auf der Bühne von Anja Rabes, die - ein Glück! - jeden Illusionismus meidet, markieren weiße Wände Durchgänge und Begrenzungen. Zunächst sind unter einer solchen zwei nackte Fußpaare zu sehen, die sich umschmeicheln, vertrauensvoll liebkosen. Bald windet sich das Paar auf dem Boden, kann selbst beim Anziehen kaum voneinander lassen: Das Begehren ist gegenseitig; Stefan Hunsteins Eduard ist nach Irene so verrückt wie die verheiratete Frau nach ihm.

Die Handlung

Auf dem Heimweg von ihrem Geliebten wird Irene, Frau des Strafverteidigers Fritz Wagner, von einer Fremden beschimpft, ihr den Mann weggenommen zu haben. Um sie zu beschwichtigen, gibt Irene ihr Geld. Doch die Erpresserin meldet sich wieder und wieder, ihre Forderungen werden höher, Irenes Angst vor Entdeckung immer größer. Sie verlässt ihr Haus nicht mehr, will sich jedoch auch nicht ihrem Mann offenbaren. Am Ende sieht sie den Suizid als einzigen Ausweg. Als sie Morphium kauft, passt ihr Mann sie ab: Er gesteht ihr, die Erpresserin, eine arbeitslose Schauspielerin, engagiert zu haben, um Irene weg vom Geliebten, von dem er durch Zufall erfuhr, und zurück zur Familie zu bringen.

Dieses Bild ist von wunderbarer Intensität - und doch geht es an Stefan Zweigs Text vorbei. Denn später wird Elsie de Brauw ihre Irene sagen lassen, dass sie, „ohne es recht zu wollen", diese Affäre begonnen hätte. Aus Langeweile und um ihrem bürgerlichen Leben zu entfliehen, rutschte sie in die Liebelei, um diese dann zugleich ordentlich in ihren Alltagstrott einzuplanen: „Dieser Geliebte änderte nichts am Mechanismus meiner Existenz." Leidenschaft klingt anders. Vermutlich hätte es auch ein Anderer sein können - Verliebtheit in, gar Geilheit auf eben diesen Mann treibt diese Figur also gewiss nicht an.

Hier entfernte sich Wieler von der Vorlage. Das ist unnötig, erschwert es doch unmittelbar nachzuvollziehen, warum Irene in einer Spirale der Angst abwärtsstürzt, als sie von einer Mitwisserin erpresst wird. Denn wäre sie tatsächlich so verliebt in Eduard, wie Hunstein und de Brauw das spielen, müsste sie zumindest über ein Leben an Eduards Seite nachdenken und bräuchte (zunächst) nicht aus Panik vor dem Verlust ihres ordentlichen Lebens der Mitwisserin immer mehr Geld zustecken und das Haus immer seltener verlassen.

Dennoch gelingt Regisseur Wieler im Lauf des Abends ein bestechendes Psychogramm dieser Frau, deren Leben völlig aus dem Ruder läuft, als sie bemerkt, dass sie dieses nicht mehr ordentlich in Schubladen verstauen kann, wie sie in der hinteren Bühnenwand eingebaut sind. Der sicher geglaubte Boden ihrer Existenz als Gattin eines Strafverteidigers fängt buchstäblich zu wanken an.

Die Besetzung

Regie: Jossi Wieler.

Bühne und Kostüme: Anja Rabes.

Licht: David Finn.

Musik: Wolfgang Siuda.

Dramaturgie: Koen Tachelet.

Darsteller: André Jung (Fritz Wagner), Elsie de Brauw (Irene Wagner), Lena Anderle, Johannes Geller (ihre Kinder), Katja Bürkle (Erpresserin/ Dienstmädchen), Stefan Hunstein (Eduard, Irenes Liebhaber).

André Jung spielt diesen zunächst herzensgut bis zur karikierten Langeweile, um dann immer stärker in jenen Ton zu verfallen, den er wohl im Gerichtssaal für seine Plädoyers gebraucht. Am Ende, als er offenbart, dass er die Erpresserin schickte, um Irene zur Vernunft zu bringen, zeigt Jung, wie schwach auch seine Figur letztlich ist: Der Gatte kann seine Frau nicht direkt auf den Ehebruch ansprechen, sondern muss zu jener List greifen, die für Irene zur sadistischen Jagd wird, aus der sie sich nur durch Suizid retten zu können glaubt.

Elsie de Brauw, die in Den Haag geboren wurde, ist vor allem zum Ende der Inszenierung hin anzumerken, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Sie wird bis zur Münchner Premiere noch an Sicherheit gewinnen - wie auch die gesamte Inszenierung sich einspielen, kompakter und straffer werden dürfte. Mit Hunstein, Jung und Katja Bürkle, deren Erpresserin stets anzumerken ist, wie unwohl sie sich dabei eigentlich fühlt, hat de Brauw drei wundervoll spielwütige Kollegen, auf die sie bauen kann.

Wielers Dramaturg Koen Tachelet ist es über weite Strecken gelungen, der Gefahr auszuweichen, seine Theaterfassung der Novelle wie ein szenisch eingerichtetes Hörbuch klingen zu lassen. Während Zweig einzig Irenes Perspektive erzählt, öffnet Tachelet seinen Text für die anderen Personen. Jeder Schauspieler pendelt zwischen Erzählpassagen, die Motive, Gedanken und Handlungen schildern, und dem Spiel mit dem Gegenüber auf der Bühne. Meist geht dieses Konzept auf, meist stören die dadurch entstehenden Brüche und Wechsel die Inszenierung nicht.

Auch der Augenblick des ersten Dialogs ist mit Bedacht gewählt: Er findet statt, als Irene auf dem Heimweg von Eduard durch die Fremde, die sie erpressen will, gestellt wird. Um menschliche Gefühlswelten zeigen und ausloten zu können, braucht es also die Interaktion. Zumindest auf einer Theaterbühne.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen: heute, 31. Juli sowie 2., 3., 5. und 6. August, Telefon 0043/ 662 8045 500.

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