Salzburger Festspiele: Frühstück im Freien

Salzburg - Don Giovanni wird waidwund geschossen. Schon während der Ouvertüre blendet Regisseur Claus Guth diese (Krimi-)Vorschau ein, die sich kurz darauf im Kontext wiederholt. Nach einem berührenden, verunsichernden "Figaro" bescherten Guth und Bertrand de Billy am Pult der Wiener Philharmoniker dem mit reichlich Prominenz durchsetzten Salzburger Festspielpublikum am Sonntagabend im Haus für Mozart nun einen "Don Giovanni".

Erste Opern-Premiere: Claus Guth inszenierte Mozarts "Don Giovanni" - Bertrand de Billy dirigierte

In vielen Momenten glänzend gearbeitet und stimmig, hinterließ er dennoch bei manchen Zuschauern auch ein diffuses Unbehagen. Don Giovanni besitzt offenbar kein Schloss mehr. Er haust mit Leporello im Wald, wohin er auch Donna Anna lockt, die, das erlösende Ereignis witternd, den Verführer förmlich anspringt, ihm das Hemd und sich das Kleid vom Leibe reißt. Doch der Vater naht mit Taschenlampe, Giovanni schlägt ihn mit einem Ast nieder, und der Komtur zielt sterbend auf den Mörder: Bauchschuss. Immer wieder wird sie aufbrechen, die Wunde\xC2

Giovannis Blut besudelt Zerlinas Hochzeitskleid (!) und färbt die Hände von Donna Elvira, Donna Anna und Don Ottavio. Obwohl Leporello Erste Hilfe geleistet hat und seinem Herrn sogar einen schmerzlindernden Schuss spendierte, der real versehrte Giovanni spürt das Ende. Die Verletzung lässt ihn zuweilen taumeln, zuletzt wohl auch halluzinieren und er giert noch einmal nach allem, was sein Leben ausmachte: nach Frauen. Aber der Angeschossene kommt nicht mehr zum Ziel. Donna Elvira, die von ihm zuletzt verlassene (Ehe-)Frau durchkreuzt wie stets alle Möglichkeiten.

Metaphysisches hat Regisseur Guth nicht im Sinn, er will Mozarts Don Giovanni erden und jagt ihn deshalb in seinen letzten Stunden (Echtzeit) durch einen höchst realistischen, "Freischütz"-tauglichen, sommernachtstraumhaften Wald (Christian Schmidt), der sich auf der (überaktiven) Drehbühne stets wandelt und mit tanzenden Schatten die Sinne verwirrt. Stimmt diese Idee, die Festspielchef Jürgen Flimm schon im Vorhinein als "glorios" bezeichnete, nun? Geht sie auf, oder bleibt ein Rest? Eigentlich beides. Giovanni war schon ein ruheloser Genussjäger, bevor die tödliche Kugel ihn traf, Leporellos Register liefert den Beweis. Auf "milletre" allein in Spanien kommt nicht, wer tags arbeitet und nachts ruht.

Natürlich passt in die Waldesunruh keine Höllenfahrt und zum Tod eines Junkie-Kumpanen kein Schluss-Sextett. Da muss die Wiener Fassung her, die darauf verzichtet (deren Zerlina-/ Leporello-Duett dramaturgisch null Sinn macht), und der Übeltäter fällt einfach in die Grube. Totengräber Komtur, die blutige Binde um den Kopf, schaufelt sie ihm im Schlussbild. War er gar nicht tot? Erscheint er in Giovannis Wundfieber-Fantasien, in Leporellos Fixer-Wahn und Elviras hysterischer Verzweiflung? Sei's drum. Claus Guth jedenfalls zieht sein Konzept durch und schafft dabei in diesem verwirrenden Wald für seine Großstadt-Personage, die, wie Anna und Ottavio, sogar im Auto anrollt, immer wieder Augenblicke voller Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und auch Komik (Leporello richtet's), die der Regisseur Mozarts "Dramma giocoso" eigentlich austreiben wollte.

Donna Elviras Verlassenheit lässt sich kaum treffender einfangen als in dem Wellblech-Wartehäuschen am Waldesrand. Einer Endstation, wo im dritten Akt die drei Damen wie Anna Selbdritt zusammenhocken. Die versuchte Verführung Zerlinas inszeniert Guth als Manet-Zitate, als "Frühstück im Freien" oder auf sanft schwingender Schaukel. Darunter liegt ihr zunächst Don Giovanni zu Füßen und schmeichelt: "Reich mir die Hand", später dann Masetto. Der Rollentausch zwischen Herr und Diener, der Giovanni von Elvira befreien soll, gelingt als fließendes Verwirrspiel, als Mischung aus Bäumchen-wechsle-dich und Blinde Kuh. Und wie bezwingend nähert sich Don Giovanni immer wieder Donna Anna: Er umgarnt sie weiter, malt mit seinem Blut ein Herz auf die Windschutzscheibe des Wagens und ist ihr hautnah, wenn sie in ihrer letzten Arie ihre Liebe gesteht. Kein Zweifel: Don Giovanni bleibt der Dritte in ihrem Bunde mit Ottavio.

Hochsensibel, psychologisch tief ausgeleuchtet führt Guth Mozarts und Da Pontes Menschen und knüpft das Publikum zunehmend ins Netz der Gefühle und Beziehungen. Dazu braucht er ein Sängerensemble, das sich bedingungslos einlässt, das durch den Wald klettert, auf Baumstämmen balanciert und die gestische Feinzeichnung beherrscht. Er hat es. Christopher Maltmans mit sinnlichem Bariton aufwartender Don Giovanni bewegt sich als ein Mensch am Rande, ein Outlaw. Beim "Fin ch'han dal vino" knallt nicht der Champagner, da kippt er sich das Dosenbier über den Kopf, und beim letzten Mahl (am Baumstumpf) zieht er die Tischdecke wie ein Leichentuch über sich. Als Leporello sorgt Erwin Schrott mit virilem Charme, verführerisch dunklem Timbre, Tick und Faxen für jene Vitalität, die sein Herr eingebüßt hat. Annette Dasch gerät als Gesellschaftstochter Donna Anna zwar überzeugend aus dem Gleis, bleibt stimmlich aber blass, konturlos, ungenau in den Koloraturen und in der Höhe.

Ihren präsenten Don Ottavio zeichnet Matthew Polenzani mit fein differenzierendem, lyrischem und doch markantem Tenor als handlungsschwachen Problemwälzer. Dorothea Röschmanns Donna Elvira steckt im madamigen Kostüm und atmet Frust bis hinein in die aufgeregt flatternden Arien. Mädchenhaften Reiz und Neugier versprüht die Petticoat-Braut Zerlina von Ekaterina Siurina, deren Masetto, Alex Esposito, gute Stimme zum bösen Spiel zeigt. Mit imposanter Bassgewalt stattet Anatoli Kotscherga den Commendatore als Totengräber aus.

Bertrand de Billy vollbringt am Pult der Wiener Philharmoniker kein Wunder, sondern unterfüttert die Szene mit biegsamen Tempi. Die Rezitative rückt er ins fahle Licht eines vom Cello unterstützten, tröpfelnden Hammerklaviers und wuchtet die düstere Dramatik bedrohlich aus dem Graben. Schon in den ersten Akkorden der Ouvertüre und noch intensiver in der beklemmenden Finalszene.

Weitere Vorstellungen

31.7., 3., 8. und 11. August, 19., 25. und 29. August, Tel. 0043/ 662/ 80 45 500.

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