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Ein Film-Musical-Comic-Drama ist „Golem“ der britischen Theatertruppe 1927.

Salzburger Festspiele

Aus der Giftspritze

Salzburg - Ein Hemmungslos hinterfotziger Konsumspott: Uraufführung von „Golem“ im Landestheater.

Mit der Uraufführung von „Golem“ durch die britische Theatertruppe 1927 um Suzanne Andrade und Paul Barritt endet bei den Salzburger Festspielen der Premierenreigen. Im Übrigen ist es unverständlich, dass ausgerechnet dem letzten Stück nur vier Vorstellungen zugebilligt wurden. Störte man sich im kaufseligen Salzburg am schwarzhumorigen Zeitgeist- und Konsumspott der Kollegen von der Insel? Sie lösten sich vom sonstigen Gedenk-Ernst des diesjährigen Theaterprogramms anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Eher schon nahmen die Briten die giftspritzende Kritik an der eigenen Gesellschaft von Karl Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“ auf und das Nachdenken über die Rolle der Naturwissenschaft in „The Forbidden Zone“ von Duncan Macmillan (wir berichteten über beides).

Im Gegensatz zu diesen kommt freilich die 1927-Crew nicht depressiv daher. Sie bekennt sich hemmungslos zu guter Unterhaltung, macht dennoch keine Abstriche bei der gemeinen Aussage à la Achternbusch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie.“ Der Hinweis auf Gustav Meyrinks exzellenten „Golem“-Roman ist allerdings nur höfliche Verbeugung der Briten vor Österreichs Tradition; Relevanz für das Stück hat er nicht. Eigentliche Urzelle des Film-Musical-Comic-Dramas, das im Landestheater Weltpremiere hatte und ab 2015 durch Großbritannien und andere Lande reisen wird, ist der Text von Gershom Scholem im Programmheft.

1965 wurde der Computer „Golem 1“ an das Weizmann-Institut im israelischen Rechovot übergeben. Scholem reflektiert in seiner Rede zu diesem Ereignis über die alte Golem-Legende von jenem Lehm-Geschöpf, das Rabbi Löw in Prag zu Diensten war, aber unbeherrschbar wurde. Das in unserer Kultur tief verwurzelte Motiv, dass sich der Mensch nicht als Schöpfergott aufspielen sollte, schleudern Andrade und Barritt in einer frappierend intelligenten und hinterfotzig auf falsche Fährten lockenden, fröhlichen Jonglage in unsere Zeit des Internets und der „sozialen Medien“. Sie ist dabei für Text und Regie zuständig, er vertritt mit Film, Animation und Design die extrem prägende optische Ebene, die Sarah Munro mit ihren skurrilen Kostümen unterstreicht. Genauso wie die spritzige Musik von Lillian Henley (Schlagzeug und Keyboard auf der Bühne) kommt all das nie aufdringlich oder gar aufwändig daher, eher bescheiden und improvisiert. Erst nach und nach sickert ins Zuschauer- und Zuhörerhirn, welch Ideenreichtum, Freude am Detail und Nachdenk-Leistung hinter der Einfachheit steckt; ganz abgesehen von der verzwickten Technologie für die „Zeichentrick“-Filme.

1927 hatte im vergangenen Jahr bei der Salzburger Reihe Young Directors Project mit seiner 2010er-Produktion „The Animals and Children took to the Streets“ erfolgreich gastiert. Jetzt feiert die Truppe in der Mozartstadt die Uraufführung von „Golem“ und geht damit wie bei den „Children“ wieder in ein Verlierer-Viertel. Erzählt wird aus der Perspektive der politisch wachen Annie. Zuvor säuseln Heile-Welt-Werbebilder vom „Es fehlt uns an nichts“-Zustand, der am Ende des Stück alle eingeholt hat. Zum Preis der Freiheit.

Dazwischen freuen wir uns mit Annies Bruder Robert über seinen Job in der Datensicherungs-Abteilung. Alle binären Codes werden dort nämlich säuberlich mit Bleistift – es gibt auch eine hauptamtlich Bleistiftanspitzerin – auf Papier eingetragen. Bei Stromausfall wird das Anti-Zeitgeist-Team zu „binären Helden“, so deren Hoffnung.

Gezeichnet, kostümiert und gespielt (Esme Appelton, Will Close, Lillian Henley, Rose Robinson, Shamira Turner) ist das entzückend komisch-ernsthaft. Da eine Prise Buster Keaton, dort eine Prise Clown; da ein bissl Kinderkneterei, dort ein wenig russisches Grafikdesign aus der Zeit nach der Revolution von 1917. In Letzterem fetzt Golem 2 durch Roberts Umwelt und Seele und zerstört sie. Knubbel Golem 1, geschaffen vom einst so erfolglosen Erfinder Phil Sylocate und sogleich (aus-)genutzt von einer anonymen Wirtschaftsmacht, hat den Weg geebnet. Das ökonomische System wird als luftige Verführer-Schlange aus schwebenden Mündern, Augen, Nasen dargestellt.

Am Ende wird dieses körperlose Giga-Wesen alles und alle scheinbar gewaltlos, nur per Konsum beherrschen. Version Golem 3 ist schließlich der kleine Mann in unserem Ohr, der unsere Bedürfnisse weckt und befriedigt: Sucht und Dealer in einem. Und Polit-Annie konnte weder Robert noch sich selbst retten.

Simone Dattenberger

Weitere Aufführung

am morgigen Dienstag,

Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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