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Ein Kessel Goldnes: Alvis Hermanis’ Inszenierung flüchtet in den Dekor; Szene mit Gerhard Siegel als Midas (li.) und Krassimira Stoyanova in der Titelrolle. 

Kritik

Salzburger Festspiele: Der goldene Stuss

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Salzburg - Alvis Hermanis inszenierte Strauss’ „Die Liebe der Danae“. Lesen Sie hier unsere Kritik von den Salzburger Festspielen. 

Als das letzte Lebensjahrzehnt anbricht, stößt er noch einmal eine Tür auf. Nicht hinaus zum Neuland, wo das Unwägbare, Aufregende, Unerforschte liegt, sondern zu einem Salon. Dort, wo es nur blinde Fenster gibt, damit das Draußen – Österreichs „Anschluss“, die Zerschlagung der Tschechoslowakei, der Ausbruch des Vernichtungskriegs – ausgesperrt bleibt. Eine Weltflucht in die Mythologie, in die Nostalgie und auch ins Weinerliche. Die „Metamorphosen“ von Richard Strauss, seine Opern „Capriccio“ und vor allem „Die Liebe der Danae“ – alles Zeugnisse eines Meisters, der sich nicht nur durch den Garmischer Bergkessel seinen Wahrnehmungshorizont verstellen ließ.

Dabei hätte es die „Danae“ schon in sich. Kritik an der Macht des Kapitals, am Konsum, das Propagieren von Humanität und (Nächsten-)Liebe, auch das ließe sich unfallfrei herauslesen. Vorausgesetzt, man holt sich keinen Regisseur, der sich als Wesensverwandter des Komponisten entpuppt: Bei den Salzburger Festspielen trat Alvis Hermanis ebenfalls eine Flucht an, die in den schönen Schein, in den Dekor – und stellte dabei mal schnell das Regieführen ein. Das Jugendstilige des Stücks wird in die Monumentalität überdreht. Klimtzüge bis zur Netzhautgefährdung gibt es bei der Premiere im Großen Festspielhaus, einen Kessel Goldnes, für den offenbar Fort Knox geplündert wurde. Dazu Teppich-Orgien, projizierte Ornamente im Cinemascope-Format, TV-Ballettgymnastik (Choreografie: Alla Sigalova), einen weißen Esel, der mal von links nach rechts, mal umgekehrt durchs Bild geführt wird (nein, er äpfelt nicht). Und es gibt einen nur nachgebildeten (warum?!) weißen Elefanten, der immer dann hereingerollt wird, wenn Jupiter ein Transportmittel oder ein Symbol für Virilität braucht.

Als Parodie, als elefantöse Satire, die Strauss in die Giga-Offenbachiade treibt, würde das herrlich funktionieren. Doch Hermanis, auch als sein eigener Bühnenbildner aktiv, und Juozas Statkevičius (Kostüme) haben ein Problem: Sie meinen es ernst. Schon im Vorfeld warnte Hermanis, eine politische Deutung werde es nicht geben. Wie Peter Stein begreift er sich als Dino aus der Opernsteinzeit. Was legitim wäre, würde der Lette wenigstens liefern. Aber drei Spielstunden lang wird allenfalls arrangiert, eine Haltung zu Figuren und Stück ist (abgesehen von sündteurer Verkleidung) nicht erkennbar. In jedem Betrieb wäre das abmahnungsfähig, in Salzburg gilt die Arbeitsverweigerung – man denke wieder an Peter Stein und seinen „Fierrabras“ von 2014 – offenbar als gagenfähig.

Man hält sich bei dieser Produktion also an die Musik und wird dabei bestens bedient. Nicht nur, weil Rattenfänger Strauss Suchtstoffe bis zur Besinnungslosigkeit reicht. Auch, weil Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern ein Festmahl veranstaltet. Natürlich ist vieles zu laut, der Graben ist wie immer zu solchen Edel-Anlässen auf „Karajan-Höhe“ gefahren. Und doch kapituliert man irgendwann vor dem süßen Gift. Welser-Möst serviert mit voller Absicht, sehnigen Tempi und intelligent eingepassten Details eine vielstöckige Klangsachertorte, bei der man spätestens in der zweiten Pause ins Freie taumelt und nach dem nächsten Essiggurkenglas fahndet. Dass Strauss Eigenraubbau bei „Ariadne“, „Rosenkavalier“ oder „Frau ohne Schatten“ betreibt: vergessen angesichts dieser Karfunkelsteinpartitur, die von den Wienern mit der nur ihnen eigenen Raffinesse erfühlt wird.

Nicht selten drohen da die Sänger ins Abseits gedrängt zu werden. Tomasz Konieczny lässt sich in der vertrackt hohen Jupiter-Partie gegen Ende ein-, zweimal bewusst wegblenden, um Kondition zu sparen. Sein Göttervater klingt weniger nach Weihrauch als nach Erde, Testosteron und Muskelstudio, also sehr angemessen. Konieczny hat auch genau am Text gearbeitet, Pathos ist nur ein Stilmittel unter mehreren.

Text, das ist das einzige, klitzekleine Problem von Krassimira Stoyanova. Dort, wo die Danae-Partie oft angesiedelt ist, in den Wolken über dem Notensystem, ist aber auch nicht mehr möglich. Trotzdem: eine Wundersängerin. Eine vollkommen undivenhafte Gestalterin, die mit dunkler, gut dosierter Glut ihren Sopran auch dort frei fluten lassen kann, wo Kolleginnen kämpfen und tricksen.

Auch auf den anderen Positionen durchwegs Festspielformat, das ist in diesem Salzburger Sommer kein Regelfall. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Pollux) und Gerhard Siegel (Midas) setzen dem mutmaßlichen Tenor-Hasser Strauss ihre Mustertechnik entgegen. Gerade Letzterer muss mit fast Unsingbarem zurechtkommen. Siegels Tenorstrahl fräst sich durch die Klangmassen, Lyrik ist da kaum möglich. Bei Norbert Ernst vergisst man, dass der Merkur nur eine Nebenrolle ist, Regine Hangler tut’s ihm als Xanthe gleich. Jubel besonders für Welser-Möst und das Orchester, ansonsten erstaunlich gebremste Reaktionen. Vielleicht waren die Klatscher einfach satt.

Weitere Aufführungen

am 5., 8., 12. und 15. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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