+
Spielmacher, Träumer und Mitspieler: Peter Handkes Mittelpunktsfigur Ich (Jens Harzer) mit seiner Mutter (Oda Thormeyer).

Salzburger Festspiele: Kärntner Schmerzmittel

Salzburg - Familienporträt und Geschichtsnachhilfe: Die Uraufführung von Peter Handkes untheatralem Stück „Immer noch Sturm“ - eine Kritik:

Als der Krieg vorbei ist, haben Großmutter und Großvater drei ihrer fünf Kinder verloren. Ursula wurde als Widerstandskämpferin im Folterkeller der Nazis ermordet. Benjamin und Valentin fielen für genau diese Nazis in Russland beziehungsweise Norwegen. Peter Handke, Jahrgang 1942, geht für sein neues Stück „Immer noch Sturm“ zurück in seine Familien- und Politgeschichte mütterlicherseits. Es geht um die slowenischen Kärntner, die stets bedroht waren, von einer Übermacht zerrissen zu werden. Im Zweiten Weltkrieg wäre man beinahe ausgelöscht worden, hat schließlich jedoch als Partisanenbewegung gesiegt und im Frieden, weil jene Leistung sofort weggeschoben wurde, erneut verloren. Diese gerade für Österreich so enorm bedeutsame Hommage an einen Teil Kärntens, einen Teil Europas, diese für Handke selbst so enorm bedeutsame Hommage an seine Mutter-Familie hatte bei den Salzburger Festspielen am Freitagabend ihre Uraufführung. In Kooperation mit dem Thalia Theater Hamburg kam das un-theatrale Drama in der Halle auf der Halleiner Perner-Insel heraus.

In diesem Sieger-Verlierer-Schmerz also, nachdem Sohn Gregor seine Friedensutopie ausgemalt und von der toten Schwester berichtet hat, tanzt sich die Großmutter das Leid von der Seele und die Kraft in diese zurück. Gabriela Maria Schmeide, die während des fünfstündigen Abends eine eher unauffällige, liebe Oma geben musste, wird in diesem atavistischen Vital-Stampftanz zur Urmutter. Ihr ist zu huldigen – und der Schauspielerin gleich mit. Wie sie die matriarchalische Mythenfigur sich aus der molligen Bäuerinnengestalt entfesseln lässt, ist einer der wenigen dramatisch gepfefferten Momente dieser Aufführung. Unterstützt von einer herrlichen in den Bauch fahrenden Klangwoge von Sandy Lopicic, der doch zuvor so dezent und uneitel mit Matthias Loibner musiziert hatte. Danach hält Jens Harzer als Ich und Enkel dieser Oma seinen Schlussmonolog.

Der Schauspieler, der bis 2009 im Münchner Dorn-Ensemble beheimatet war, bewältigte den letzten Kraftakt dieser für Darsteller und Zuschauer wahrlich kräftezehrenden Nacht trotz Hänger, störender Leute, die polternd gingen, und Handytöne bewunderungswürdig. In der typisch Harzer’schen Mischung aus gespielter Bescheidenheit und ehrlicher Demut dem dichterischen Werk gegenüber, illustriert durch die eine ganz und gar un-stramme Körperhaltung und flatternde Stimmführung, gliederte und belebte er die Handke-Zumutung. Wie er es schon die Stunden zuvor als fiktiver Spielmacher, sich Erinnernder, Träumender, Autor und Mitspielender getan hatte. In diesem Monolog ballten sich noch einmal alle Probleme des Konstrukts von Peter Handke. In „Immer noch Sturm“ zwingt er Anekdotisches mit Geschichtsnachhilfe zusammen: Wer hat schon einen Schimmer von den slowenischsprachigen Bürgern in Österreich? Er kombiniert Familienporträts mit Politanalysen, philosophischen Reflexionen, ja Schimpfkanonaden à la Thomas Bernhard. Kurzum, er hat ein ausgesprochen undramatisches Drama geschrieben. Das liest sich gut und spannend, bühnentauglich ist es nur bedingt – wenn es gestrafft und komprimiert wird.

Regisseur Dimiter Gotscheff hat das nicht getan. Er hat sich an den ehrenwerten Brauch gehalten, ein Stück bei der Uraufführung möglichst komplett vorzustellen. Obendrein hat er sozusagen vom Blatt spielen lassen: keine inszenatorischen Kinkerlitzchen oder Erleichterungen. Wo bei Handke eine Heide mit einem Apfelbaum imaginiert wird, gibt es auf der Perner-Insel einen schwarzen Bühnenschlund, einige Scheinwerfer und eine Deckenrotunde, aus der unaufhörlich grüne Schnipsel herabrieseln (Bühne: Katrin Brack). Das ist nicht sonderlich einfallsreich, sieht aber immer poetisch-hübsch aus, obwohl es ein bisschen einschläfernd ist. Hier trifft das Ich auf seine Vorfahren und setzt sich mit ihnen und ihrer/seiner Geschichte zwischen 1936 und 1945 auseinander. Sinnbild dafür ist die slowenische Sprache. Sie ist Herz und Verstand der Kultur – und macht in diesem Fall ihre Träger zu Außenseitern, im Extremfall bis in den Tod. All das versucht Handke, sozusagen in einer ersten Vorstellungsrunde der sieben Verwandten vor dem Ich und folgenden Szenenfetzen bildhaft aufscheinen zu lassen.

Oda Thormeyer gelingt das bei der jungen Mutter des Ich mit dem Charme der scheinbar Unbeschwerten. Bibiana Beglau, die ab der kommenden Saison am Bayerischen Staatsschauspiel zu erleben ist, zeigt mit herber Kraft Tante Ursula. Sie ist die Kassandrafigur des Stücks, die nie die düsteren Seiten des Lebens zu übersehen vermag. Weniger Intensität bauen Matthias Leja als Großvater, Heiko Raulin als Onkel Benjamin, Tilo Werner als Onkel Gregor und Hans Löw als Onkel Valentin auf. Dadurch werden viele Textflächen, die spröde sind, auf der Bühne nicht gerade vitaler. Das ist umso gravierender, als die Halleiner Halle die Schauspielerwirkung, schon geschwächt durch Mikroports, ziemlich schluckt.

Die redliche, nichts beschönigende und engagierte Uraufführung von „Immer noch Sturm“ wurde heftig beklatscht – besonders Peter Handke.

Die Handlung

Das Ich, ein älterer Herr, trifft in einer Traumwelt-Vergangenheit und -Heimat zunächst seine junge Mutter, deren Eltern und Geschwister im Jahre 1936 (?) – noch vor seiner Geburt. Die Episoden, Mono- und Dialoge, die sich entspinnen, schildern die bäuerliche Welt der slowenischen Kärntner, das spezielle Familien-Geflecht und die historisch-politischen Bedingungen. Nach und nach bewegt sich die Gruppe, der schließlich das Ich geboren wird, auf der Zeitachse über den Zweiten Weltkrieg zum unfriedlichen Frieden. Das Ich reflektiert außerdem seine verwandtschaftlichen Bindungen und die Erinnerungsarbeit.

Die Besetzung

Regie: Dimiter Gotscheff.

Bühnenbild: Katrin Brack.

Kostüme: Ellen Hofmann.

Musik: Sandy Lopicic.

Darsteller: Jens Harzer (Ich), Oda Thormeyer (Meine Mutter), Tilo Werner (Gregor/ „Jonatan“, der älteste Bruder der Mutter), Hans Löw (Valentin, der zweitälteste der Brüder), Bibiana Beglau (Ursula/ „Sneena“, Schwester der Mutter), Heiko Raulin (Benjamin, der jüngste Bruder), Gabriela Maria Schmeide (Meine Großmutter), Matthias Leja (Mein Großvater).

Aus Salzburg berichtet Simone Dattenberger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare