Salzburger Festspiele: Karl und Franz im Viererpack

Salzburg - Die Theaterleute haben's nicht leicht mit den "Räubern" von Friedrich Schiller. Das geniale Erstlingswerk des deutschen Klassikers pendelt sich heute ein zwischen atemberaubender Aktualität, was das Feuer der jugendlichen Rebellion Karls und seiner Bande betrifft, messerscharfer weltanschaulich-philosophischer Intellektualität in Bezug auf Intrigenspinner Franz sowie treuherziger Lächerlichkeit, wenn's um den alten Grafen geht, den Vater der beiden Halbstarken aus dem Hause Moor. Bei den Salzburger Festspielen versuchte jetzt Regisseur Nicolas Stemann sein Glück und inszenierte auf der Perner Insel in Hallein das Sturm-und Drang-Stück als eine Art Oratorium.

Nicolas Stemann inszenierte auf der Perner Insel in Hallein "Die Räuber" von Friedrich Schiller

Der Beginn: Vier Schauspieler, graumausmäßig in Hose, Hemd, Pullunder gekleidet, betreten die Bühne, setzen sich auf die vor dem Vorhang aufgereihten Stühle, verabreden sich kurz mit Blicken ­ und los geht's im Chor. Es sind die vier Darsteller des Franz, die dem Rhythmus des Textes folgen, mal als Quartett oder Duett, mitunter jeder auch mal als Solist. Was Schiller uns in der ersten Szene zu sagen hat, wird rasch heruntergerauscht, der alte Moor wird nachgeäfft, ein paar scharfe Franz-Spitzen blitzen auf in dem Geleiere, nur schnell durch mit der Einleitung ­ bis es zum in der Lautstärke sich steigernden Gebrüll der Eifersuchtssätze kommt: "Warum bin ich nicht der erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige!" Dann schiebt sich der Vorhang nach hinten, die Bühne weitet sich, sie ist im Laufe des Abends Video-Projektionsfläche für ein Fachwerkstädtchen, für Böhmerwald und Schlossgalerie. Die vier Darsteller entledigen sich ihrer Strickwesten, knöpfen die Hemden auf, krempeln die Ärmel hoch ­ und schon geben sie Karl, den wilden Kerl, aber auch Spiegelberg und die anderen Jungs.

So springen sie virtuos von der einen Rolle in die andere und blitzschnell wieder zurück; manchmal agieren sie als Karl und Franz sogar gleichzeitig. Das hat einen gewissen Show-Wert, auch einen lauten akustischen Reiz und ist trotzdem sehr textgenau vom Regisseur hinterfragt. Er zeigt, dass die zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Wege der Brüder letztlich im gleichen Chaos enden; denn sowohl der Terrorist Karl als auch der Machtmensch Franz sind Produkte derselben gleichgültigen, sich ihrer Verantwortung entziehenden Vätergeneration. Sie sind die Kinder der Jetztzeit.

Und wenn plötzlich in der Inszenierung mit der Rolle des Kosinsky kostümmäßig das 18. Jahrhundert einbricht, ist dies als optisches Signal eine liebenswürdige Reverenz an Schillers ewig gültigen Dauerbrenner. Aber vielleicht auch eine Bezugnahme auf die alte, klassische Theatertradition. Trotzdem: Außer dass Stemann auf die Musikalität der Sprache setzt und sie durch den Effekt des kollektiven Deklamierens extra herausstellt, erschließt es sich nicht, worin der gedankliche Mehrwert dieser Vervierfachung von Karl und Franz besteht. Dass Amalia von den wild gewordenen Franzen als Ausdruck der Brutalität gleich viermal vergewaltigt wird, kann ja nicht der alleinige Grund sein.

Doch diese Vierfaltigkeit der Brüder ist auch gar nicht konsequent durchgehalten. Wenn es ans Rächen und Töten geht, stürzen sich drei auf einen. Am Ende gar, wenn Franz schon erhängt am Seile baumelt, verschwinden die anderen ganz von der Bildfläche. Nämlich in dem Moment, da Amalia zu den Räubern vorstößt. Da lassen die Karls sie schnöde im Stich. Und die Schauspielerin spricht alle Texte samt Schillers Regieanweisungen gleich mit. Dann trifft sie aus dem Off ein Schuss. Und aus ist die Geschichte. "Dem Mann kann geholfen werden": Schiller setzt mit der Selbstauslieferung Karls an die Justiz ein moralisch einwandfreies Ende. In Salzburg aber hat sich dieser Kerl einfach verdrückt. Von Typen wie ihm, mag der Regisseur sagen wollen, ist noch einiges zu erwarten.

So viel Unentschiedenheit. Der Text verblasst. Das Konzept nicht schlüssig. Dennoch, die Inszenierung hat durchaus Verve, eine schöne Theatralik und manch hübschen Einfall. Was an dieser Koproduktion mit dem Thalia-Theater Hamburg enttäuscht: Die Schauspieler sind zu Mittelmaß verdammt. An der Spitze der Skala Christoph Bantzer als alter Moor, am unteren Ende Maren Eggert als Amalia.

Weitere Vorstellungen: 19.-24. August. Karten: Telefon 0043/ 662/ 80 45 500.

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