Der Autor, Regisseur und Intendant Ernst Lothar sitzt an seinem Schreibtisch.
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Ein Leben für die Kultur – und Österreich: der Autor, Regisseur und Intendant Ernst Lothar.

Ernst Lothar, Mitbegründer der Salzburger Festspiele, erzählt von seiner Flucht vor den Nazis

Ernst Lothars Lebenserinnerungen wieder erhältlich

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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„Das Wunder des Überlebens“ hat Ernst Lothar seine Autobiografie genannt. Jetzt wurden die Lebenserinnerungen des Mitbegründers der Salzburger Festspiele neu aufgelegt.

  • In „Das Wunder des Überlebens“ erzählt Ernst Lothar von seiner Flucht vor den Nazis.
  • Die Lebenserinnerungen des Mitbegründers der Salzburger Festspiele erschienen 1960.
  • Jetzt hat der Wiener Zsolnay Verlag das bemerkenswerte Buch wieder aufgelegt.

Manches Wunder ereignet sich tatsächlich, wenn man seiner am nötigsten bedarf. Etwa wenn man in Österreich, der Heimat, die keine Heimat mehr sein wollte für Ernst Lothar, immer weiter nach Westen fährt, um in Feldkirch, Vorarlberg, den Zug in die rettende Schweiz besteigen zu können. „Mit jedem Stein konnte ein Mord geschehen, hinter jedem Felsen lauerte der Genickschuss“, erinnerte sich der Autor, Theatermacher und Kulturmensch Jahre später an seine Flucht vor den Nazis.

Ernst Lothar wurde 1935 Direktor des Theaters in der Josefstadt

Jurist, Kritiker und Feuilletonist war er, dann veröffentlichte er erste Gedichte und Prosa, inszenierte und wurde von Max Reinhardt gebeten, seine Nachfolge als Direktor des Theaters in der Josefstadt zu übernehmen. Das war 1935 – drei Jahre später war sein Blut nicht rein genug für die neuen Machthaber. Lothar und seine Familie mussten sich retten, eine schwierige Flucht für den Promi. „Dann aber geschah das österreichische Wunder, das sich in diesem dämonischen Land immer wieder ereignet hat, einmal hatte es Prinz Eugen geheißen, ein andermal Mozart. Diesmal hieß es Moser und war Inspektor der Kriminalpolizei.“ Der Beamte war theaternarrisch und saß in seiner Wiener Zeit regelmäßig im Parkett der Josefstadt. Er erkannte Lothar – und kümmerte sich rührend darum, dass die Familie unbehelligt abfahren konnte.

Daniel Kehlmann hat das Nachwort verfasst

Ernst Lothar erzählt diese Episode in seinen Erinnerungen „Das Wunder des Überlebens“, die 1960 zum ersten Mal erschienen sind. Nun hat der Zsolnay Verlag das Buch – versehen mit einem empathischen Nachwort von Daniel Kehlmann – neu herausgebracht. Auch 60 Jahre später nimmt die Lektüre gefangen.

Ernst Lothar war ein Kind des Habsburgerreiches

Der Autor, 1890 in Brünn geboren und 1974 in Wien gestorben, war Kind des Habsburgerreiches. „Der Tag, an dem Österreich-Ungarn unterging, traf mich wie Unzählige ins Herz“, schreibt er – bis heute künden die Zeilen vom enormen Leid, das Lothar empfunden haben muss: „Etwas Unersetzliches war gestorben, dessengleichen nicht wiederkam.“ Eine neue Heimat sollte er in Kunst und Kultur, vor allem in der Literatur und im Theater finden. Der promovierte Jurist, der nach dem Ersten Weltkrieg eine staatsanwaltliche Karriere einschlug, reüssierte rasch als Kritiker und Autor. 1920 gründete er mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal die Salzburger Festspiele; arbeitete als Regisseur und Intendant.

Mit der US-Armee kehrte Ernst Lothar nach Wien zurück

Es ist eine Freude, Lothars – nicht immer uneitle – Erinnerungen an jene Jahre zu lesen. Beeindruckend sind die Kapitel über die Zeit in den USA, wohin die Familie nach Stationen in der Schweiz und in Paris 1939 fliehen musste. Lothar litt unter der Emigration – und baute sich dennoch ein neues, akademisches Leben auf: „Nur jener, der in Amerika mit Geistigem Fuß fassen will, kann die Strenge des amerikanischen geistigen Anspruches ermessen und wird aus dem Kopfschütteln nicht herauskommen, wenn ihm allenthalben in Europa das Vorurteil von der amerikanischen Geistesarmut begegnet“, reibt er der europäischen Arroganz hin.

Als Teil der US-Armee kehrte er schließlich ins befreite Wien zurück – in seinem Lebensbericht ist die Zerrissenheit zu spüren zwischen der Loyalität gegenüber der neuen Heimat und der Liebe zur alten. „Auf Wiederschaun in Österreich!“, habe Inspektor Moser 1938 am Feldkircher Bahnhof dem Zug hinterhergerufen. Es sollte auch dieses Wunder geschehen.

Informationen zum Buch:

Ernst Lothar: „Das Wunder des Überlebens“. Zsolnay, Wien, 384 Seiten; 25 Euro.

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