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Sieht aus wie „Ritter der Kokosnuss“, ist in Salzburg aber ernst gemeint: Szene aus „Fierrabras“ mit Dorothea Röschmann als Florinda (vorn).

"Fierrabras"

Salzburger Festspiele: Die letzten Zuckungen

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Salzburg - Das hat Franz Schubert nicht verdient: Peter Stein inszeniert „Fierrabras“ im Haus für Mozart.

Einmal passiert es, Schubert schreibt hier einen Frauenchor im hüpfenden Takt mit Betonung auf dem letzten Viertel, da werden die Damen fast ausgelassen. Stecken im Rhythmus ihre Köpfchen zwischen die behelmten Häupter der Krieger, einmal links, einmal rechts, und man denkt sich: Ach, ein bisschen Revue. Könnte ganz amüsant werden heute Abend, zumindest ein wenig ironisch. Weil „Fierrabras“, dieses Opern-Aschenputtel, ja irgendetwas braucht. Eine Zutat, ob Humor oder Brechung oder Stilisierung, jedenfalls etwas, was die vertrackte, schwer verdauliche Handlung genießbarer, szenenverträglicher macht.

Man hofft auch, weil alles so aussieht, als kämen die anarchischen Komiker der Monty Pythons ein wirklich allerletztes Mal zusammen. Zur ultimativen Live-Performance ihrer „Ritter der Kokosnuss“, diesmal eben mit Salzburger Festspiel-Ehren im Haus für Mozart und zur genialen, unrettbar am Text krankenden Musik von Franz Schubert. Doch kein Killer-Karnickel, keine heilige Handgranate. Und bald keimt die grausige Gewissheit: Peter Stein, der Regisseur, der meint es ernst.

Viel ließe sich erzählen über die letzte Salzburger Opernpremiere dieses Sommers. Über die Schwarz-Weiß-Ästhetik, die Kulissenhänger und die Laubsäge-Deko, mit der Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer (vergeblich) den Stil von Jean-Pierre Ponnelle beschwört. Über die ständige, unfreiwillige Komik. Über die verpassten Chancen, weil man diese Szenerie à la Barockbühne gerade nicht zu schnellen Verwandlungen nutzt, sondern überflüssige Lichtpausen provoziert. Und man könnte viel darüber nachdenken, dass bei Stein die guten Franken weiß sind und die bösen Mauren schwarz mit Kohle im Gesicht. Ein Bühnenrassismus, den alle eigentlich überwunden haben, nur einer nicht, der hier lediglich eine einzige Sache inszeniert – sich selbst als letzten Gralshüter der Tradition.

Die Haltung wäre an sich legitim, auch der Konservativismus braucht in der Opernszene ja seine Nische. Stein müsste dafür nur eine Form von Ergebnis liefern. Doch er, der schon im Vorfeld über den angeblich so untauglichen „Fierrabras“ lästerte, verweigert einfach die Arbeit. Woran sechs Wochen geprobt wurde, erschließt sich nicht. Und es wäre eine spannende Frage, ob vor Gericht ein Musterprozess möglich wäre, eine Klage auf Arbeitsverweigerung in der Oper, gerade bei einem geschätzten Star-Honorar von gut 100 000 Euro.

Eigentlich war dieser Salzburger „Fierrabras“ als etwas ganz anderes geplant. Nicht als letzte Zuckung des ehemaligen Berliner Schaubühnen-Chefs, sondern als Produktion für den großen Nikolaus Harnoncourt. Der wollte sich mit seinem Concentus Musicus in die wunderbare Partitur Schuberts versenken. Gut möglich, dass er eine aufregend neue Lesart gefunden hätte – nach den legendären Deutungen von Claudio Abbado 1988 in Wien (mit Ruth Berghaus) und von Franz Welser-Möst 2007 in Zürich (mit Claus Guth).

Vor gut einem Jahr sagte der jetzt 84-Jährige ab, mutmaßlich aus Angst vor Überlastung. Das Ensemble, fast durchwegs Mitglieder der Harnoncourt’schen Sängerfamilie, ist geblieben. Hat man das im Kopf, mag sich Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker noch so hineinknien – einen Ersatz kann er nicht bieten. Immerhin: Salzburgs Platzhirsche zeigen sich willig. Folgen Metzmacher, wenn er viel von ihnen will. Wenn er die Klangkulissen überblendet. Wenn er Schuberts Rhythmik füllt mit diesen eigentümlichen, trauerumflorten Instrumentalmixturen. Wenn er den Wiener Staatsopernchor zum oratorischen Phrasieren bringt. Wenn er mit flotten Tempi das Martialische hart verkantet, um sich dann gleich wieder auf die Suche nach dem so besonderen Schubert’schen Volksmusikton macht. Metzmacher hat hörbar gearbeitet – und zeigt doch offene Flanken. Vieles ist unpräzise. Sein Schlag ist zu klein, als das die Sänger daran Halt und Orientierung fänden. Großbogige, atmende Verläufe sind seine Sache nicht. Und mit zunehmender Dauer scheint es, als habe Metzmacher einen der seltenen Schlüssel zu Schuberts Musik irgendwie verlegt.

Wenn aber die Regie ausfällt und ein Dirigent sich müht: Was rechtfertigt dann eine Aufführung beim weltweit wichtigsten Musikfestival? Einige Sänger, immerhin. Benjamin Bernheim ist als Eginhard mit seinem strahlenden, biegsamen Tenor die Entdeckung des Abends. Julia Kleiter, deren lyrischer, substanzreicher Sopran wächst und gedeiht, macht die Emma zur zweiten Mittelpunktsfigur. Und Georg Zeppenfeld hat für den König Karl den weiten Tonumfang und das perfekte Stilempfinden.

Gegen dieses Trio kann sich Michael Schade in der Titelrolle schwer behaupten, sein heller Tenor klingt körperlos, oft auch klirrend. Die ins Heldische reichende Partie hat er sich indes mit genauer Technik gut zurechtgelegt. Markus Werba schlägt sich wacker als Roland, ist vielleicht eine Spur zu kleindimensioniert. Dorothea Röschmann (Florinda), obgleich textorientiert und mit Furor in der großen Arie, singt so, als ob sie alles herstellen muss und einfach nicht zu ihrer Stimme finden kann. Sie alle werden von Peter Stein weitgehend allein gelassen. Wenn sich die Paare nach drei Stunden endlich kriegen, lässt er Kulissenhänger hochfahren. Ein rotes Herz prangt im Hintergrund, auf dass der Beschränkteste kapiert: Aha, das Happy End. Einige lachen. Armer Schubert.

Weitere Aufführungen:

16., 19., 22., 25. und 27.8.;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500; TV-Aufzeichnung auf 3sat am 4.10., 20.15 Uhr.

Markus Thiel

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