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Brigitte Hobmeier von den Münchner Kammerspielen spielt und singt in dem Stück „Meine Bienen. Eine Schneise“ die Kathrin.

„Meine Bienen. Eine Schneise“ von Händl Klaus

Salzburg - Nix G’wiss weiß ma net – das ist das Motto, das über jedem Stück von Händl Klaus stehen könnte. Es gilt also auch für das Werk „Meine Bienen. Eine Schneise“, das im Auftrag der Salzburger Festspiele entstanden ist.

Es wurde am Donnerstagabend als letzte große Premiere im Landestheater uraufgeführt. Sven-Eric Bechtolf, der neue Festspiel-Schauspielchef, hatte die fruchtbare Tirol-„Connection“ aus dem Schriftsteller und der Musicbanda Franui, mit der Bechtolf selbst gern zusammenarbeitet, initiiert. Das Thema „Bienen“ kam von dem musikalischen Franui-Leiter Andreas Schett. In seiner Jugend hatte er im Dorf einen Klangtrick ausprobiert, um einen Bienenschwarm anzulocken.

Die Besetzung

Regie: Nicolas Liautard.

Bühne: Giulio Lichtner,

Nicolas Liautard.

Kostüme: Marie Odin.

Musikalische Leitung: Andreas Schett.

Darsteller: Stefan Kurt (Peter), André Jung (Wim),

Brigitte Hobmeier (Kathrin), Wiltener Sängerknaben David Kerber/ Michael Leitner (Lukas).

Musik: Die zehnköpfige Franui Musicbanda, die auch diverse Lieder singt.

Händl entfachte aus diesem Funken gleich einen richtigen Waldbrand, mit dem er nicht nur Bäume, sondern auch viele Bienenstöcke in Schutt und Asche legt. Da der Autor eine Schwäche für detektivische Fragestellungen hat, bekommen ein Kriminaler, die Verhörtechnik und seine Gier nach Spuren eine wichtige Funktion. Er ist – wie wir alle – derjenige, der alles genau wissen will, der nach Aufklärung und Gewissheit sucht. Und er ist der, dem – wie uns allen – der Dichter eben dieses spitzbübisch verweigert. Dabei lockt er uns wie die schöne Kathrin den Inspektor Peter mit dem Krimistoff in seinen Wald der Irrungen. In diesem dunklen Tann kann alles so sein – oder anders. Wie Peter sagt, jeder könnte der Täter sein, inklusive er selbst. Oder irgendwer vom Dorf. Er oder der Imker Wim könnten der Vater von Lukas, Kathrins Sohn, sein. Oder irgendwer. Der Brand ist ein Verbrechen, könnte aber nützlich sein, denn die Bienen waren wegen der Parasiten ohnehin dem Tod geweiht und werden nun ihre Artgenossen nicht mehr anstecken. Es gibt freilich noch überlebende Schwärme. Der Bub soll sie mit dem Klangtrick anlocken, in die Welt hinausziehen und alles verseuchen – so wollen es die Erwachsenen.

Das „Bienen“-Quartett: Von links Michael Leitner, Brigitte Hobmeier, Stefan Kurt und André Jung.

Nur eines ist bei Händl Klaus sicher: Er zeigt den Menschen in seiner Schwäche, wie er Nähe sucht und sie fürchtet, wie er um sich schlägt und doch Zärtlichkeit will, wie er das Leben packt und den Tod ersehnt. Und alles gehört zusammen. Ist eben ein Wald des Werdens und Vergehens. In ihn kann das Feuer eine Schneise fressen, wird jedoch schnell vom Grün erstickt. Kathrin zählt auf diese Natur(heil)kraft, bis sie von den Männern, womöglich wegen ihres vaterlosen, daher Vernichtung suchenden Sohns, in deren Todeszone gezogen wird.

Die Handlung

Nach einem Waldbrand, bei dem vor allem viele Bienenstöcke vernichtet wurden, kommt Peter, Polizeiinspektor, zu Kathrin, um Nachforschungen anzustellen. Sie wohnt am Wald, ist Lehrerin und alleinerziehende Mutter. Ihr Sohn Lukas sehnt sich nach einem Vater und trägt Peter, aber auch dem Imker Wim seine Kinderliebe an. Der stellt sich als Vater von

Kathrin heraus – und wohl als Vater von Lukas.

Händl Klaus lässt in seinem rhythmisierten Pingpong-Dialog viele Leerstellen, die die Gewissheitsüchtigen auffüllen und nur die Gefühls-Seiltänzer auszubalancieren wagen. Ganz schafft das der französische Regisseur Nicolas Liautard nicht. Erstaunlich sicher geht der Fremdsprachler aber mit der Musikalität der extrem gestalteten Gegenrede um. Händl verteilt nämlich meist jedes einzelne Wort eines Satzes auf die zwei, drei Protagonisten, die gerade auf der Bühne stehen. Außerdem sind die eigentlich simplen Aussagen wie Kettenglieder ineinander gehakt, so dass sie blitzschnell immer neuen Sinn und daher Verwirrung stiften. Liautard muss da den Schauspielern Brigitte Hobmeier (Kathrin), André Jung (Wim) – beide Münchner Kammerspiele – sowie Stefan Kurt vollkommen vertrauen. Sie lösen die Aufgabe mit erstaunlicher Ruhe, Lust am Theaterspielspaß und bei Hobmeier mit einer stupend schillernden Darstellungskunst. Sie erfüllt Händls Schönheitsideal, das das Glitzern des Diamants mit dem bunten Changieren der Fleischfliege vereint.

Der Regisseur setzt darüber hinaus oft Posen ein, die wir von Stummfilm, Fernsehen oder Gemälden kennen (das Bühnenbild von Giulio Lichtner erinnert auch an eine Installation von Anselm Kiefer). Zu Beginn liegt Kathrin rücklings hingestreckt da wie die Frau in Füsslis „Nachtmahr“, nur ohne Alb auf der Brust. Diese Spiel-Skurrilität passt gut zu den Textabsurditäten, die sich auch selbst nicht komplett ernst nehmen.

All das wird eher illustriert als (wie bei der Oper) gelenkt von der Musik der Franui Musicbanda, die dazu einige „Jugendlieder“ (1901-1908) von Alban Berg verwendete. Zart nachdenkliche Saitenklänge leiten das Vorspiel ein und werden später als wiederkehrendes Motiv eingesetzt. Dann aber rauschen die Franui-Musikanten durch den sämigen Klang des frühen Berg, grätschen fetzig in Jazz, naschen bei Klezmer und Weill, poltern Dorfblasmusi-mäßig oder marschieren ehrenwert den Pomp funèbre. Die Komponisten Markus Kraler und Andreas Schett sorgen mit der Banda außerdem dafür, dass ein Kind zur Hauptfigur des „Musikstücks“ wird. Lukas, in der Premiere von Michael Leitner dargestellt, wird vor allem durch „Arien“ charakterisiert. Schon Händl Klaus hat den Buben mit preziöser Sprache herausgehoben, die Gesangspartie folgt dem. Der Wiltener Sängerknabe entledigt sich beeindruckend der Probleme. Das Treibende, Drängende, Hetzende, inspiriert von der Klassischen (Musik-)Moderne, fordert den 13-Jährigen ganz schön.

Insgesamt eine faszinierende, mitunter anstrengende Erfahrung, über die man lange diskutieren kann. Und das ist als Lob gemeint.

Simone Dattenberger

Weitere Vorstellungen

an diesem Samstag, 27., 29., 30., 31. August, Karten unter Tel.: 0043/662/8045-500.

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