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Nicholas Ofczarek über Jedermann: „Er hat mehr Angst vor dem Rechenschaft-Ablegen, vor der Lebensbilanz als vor dem Tod.“

Salzburger Festspiele: Der neue Jedermann

Salzburg - In Österreich ist Nicholas Ofczarek längst ein Theaterstar - jetzt spielt er bei den Salzburger Festspielen den Jedermann. Im Interview spricht er über seine Schauspielkunst, die Buhlschaft Birgit Minichmayr und Regisseur Christian Stückl.

In Österreich ist Nicholas Ofczarek (Jahrgang 1971) ein Theaterstar - auch präsent in Film und Fernsehen. Aber das Burgtheater ist seine Hauptwirkungsstätte, die Bühne ist sein Daheim. Und die beherrscht der Wiener mit einer atemberaubenden Präsenz. Ob bei Euripides oder Nestroy, ob bei Shakespeare oder Schönherr. Kein Wunder also, dass die Salzburger Festspiele sich Ofczarek als neuen Jedermann für Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ erkoren haben. Die Buhlschaft an seiner Seite ist Birgit Minichmayr, ebenfalls neu besetzt. Regie führt wie die Jahre zuvor Christian Stückl. Diesen Sonntag ist die Wiederaufnahme-Premiere.

Sie treten die Nachfolge von Peter Simonischek an, der den Jedermann sehr lang geprägt hat. Wohin führen Sie Ihren Jedermann?

Ich tu’ mir schwer zu sagen, wie ich eine Rolle anlege. Ich lege prinzipiell keine Rollen an. Das würde ja bedeuten, dass man unspontan wäre, dass man am Reißbrett daheim eine Rolle entwirft. Das geht, aber es bringt nix, weil es unlebendig ist. Und das Schöne am Theater ist im besten Fall, dass es lebendig ist. Natürlich hat man seine Instinkte, liest bestimmte Dinge aus dem Text heraus. Ich geh’ sehr nach dem Stück und den Informationen daraus. Ich finde es immer etwas langweilig, wenn Schauspieler das vorgeben, was die Zuschauer denken sollen. Man bekommt im Text viele Beschreibungen von diesem Jedermann - durch Dritte. Man erfährt von ihm, dass er ein Prasser, Betrüger, Ehebrecher, Lügner ist: Das sagt der Teufel über ihn. Das kann stimmen oder auch nicht. Irgendwas wird schon dran sein. Man sagt, er sei ein Lebemann. Ich denk’, es stimmt alles ein bisschen.

Daraus folgt?

Was mir klar ist: Er hat mehr Angst vor dem Rechenschaft-Ablegen, vor der Lebensbilanz als vor dem Tod. Das heißt, der Mann erlangt ein Bewusstsein über das, was er getan hat. Zu Beginn des Stücks ist er recht oberflächlich. Er will nicht in seine Seele schauen, es lebt sich ja so ganz gut. Dann geht es rasant, und er ist gezwungen, in sich reinzusehen. Und das ist düster. Das Ziel wäre, einen vitalen Mann mit großen Fehlern zu zeigen, mit dem man trotzdem mitgeht, Mitleid hat. Die Schwierigkeit ist, dass es am Ende des Stücks so wahnsinnig schnell geht: eine Riesen-Fallhöhe.

Der Vergleich zu Simonischek?

Es geht nicht darum, dass ich etwas unbedingt anders machen will: Es geht nicht ums Anderssein, es geht um das Eigene. Das kommt schon durch die eigene Persönlichkeit. Es ist wie eine Art Neuinszenierung für mich, und ich denke auch für Stückl: viele Neubesetzungen, gedanklich neu, die Musik wird neu komponiert, die Kostüme sind neu...

Wie ist die Zusammenarbeit mit Stückl?

Ich finde sie toll, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie! Ein sehr kompetenter, emphatischer, gut vorbereiteter, sehr gscheiter Mann.

Ist er nicht erschöpft von der Oberammergauer „Passion“?

Würde man meinen. Und jetzt ist er so da! Ich glaube, es macht ihm auch großen Spaß. Wir arbeiten alle sehr intensiv.

Wie sehr geht Stückl darauf ein, dass er jetzt ein junges Paar hat?

Enorm. Auch die Tischgesellschaft ist verjüngt. Das verwandelt das Stück. Man geht ganz anders mit, wenn ein junger Mann plötzlich vom Sterben spricht.

Birgit Minichmayr und Sie sind ein eingespieltes Team von der Burg her. Macht es das leichter, hier einzusteigen?

Die österreichische Presse schreibt, wir sind das Traumpaar - das ist ja eine Mär. Wir haben vor zehn Jahren miteinander gespielt. Dann gab es eine Pause von neun Jahren. Und jetzt haben wir „Weibsteufel“ und „Geschichten aus dem Wiener Wald“ gemacht. Was aber definitiv der Fall ist: Wir fühlen uns miteinander sicher. Wir sind eigentlich zwei laute, unruhige Schauspieler, aber zusammen sind wir ganz ruhig. Das bringt schon viel! Wir fordern uns aber auch. Das ist von großem Respekt getragen.

Medium Freilichtbühne - braucht man da den dickeren Pinsel?

Weiß ich nicht... Du musst auf dem Platz viel geben, musst sprachlich sehr da sein, sprechtechnisch gut abgesichert. Es gibt eine leichte Mikroport-Hebung, die kann aber nur ganz leicht sein - Gott sei Dank. Ich verachte Mikroports.

Wie sympathisch!

Ich finde das grauenvoll, eine schlimme Entwicklung am Theater. Die Sprache beim „Jedermann“ ist schon so stark. Die Emotion ist in der Sprache, und wenn man Sprache gut behandelt, ist eh alles vorhanden. Nur muss man’s können! Dicker Pinsel - nein, es muss klar sein. Wenn etwas klar ist, ist es groß, und du musst es nicht ausmalen.

Beim „Jedermann“ rümpfen viele sogenannte Intellektuelle die Nase: Der ist zu naiv, zu fromm...

Ich bin da streitbar; mir geht das wahnsinnig auf die Nerven, das Naserümpfen. Es rümpfen ja auch Kollegen die Nase, die im „Jedermann“ gespielt haben. Ich spiele ihn, weil ich die Rolle toll finde. Das Stück ist überhaupt nicht doof. Es ist gut, dass es um Moral geht - in einer Zeit, in der ungern über Werte verhandelt wird. Zu naiv - macht nichts. Wenn man Naivität nimmt und nicht versucht, sie zu intellektualisieren, entstehen daraus neue Welten. Seit 90 Jahren wird das Stück gespielt... Es geht um ein essenzielles Menschen-Thema, das jeden ereilt.

Wenn man im „Jedermann“ spielt, kommt automatisch die Gretchen-Frage: Wie hältst Du’s mit der Religion?

Wenn der Mann zum freien Willen findet, das ist ein großer Gedanke, das ist fernab von jeder Konfession. Bedeutend finde ich, dass einer für sich den Glauben entdeckt - nicht die Reue. Das ist eine kleine Schwäche von Hofmannsthals Werk, er macht da einen Schlenker am Ende: der katholische Gedanke von Reue und Buße. Ich bin ein gläubiger Mensch, jedoch ohne Bindung an eine Konfession. Glaube fehlt mir deswegen nicht.

Die Reihe der Jedermänner stellt eine große Tradition an deutschsprachiger Schauspiel-Kultur dar. Eine Dynastie.

Das ist toll! Das ist eine Ehre! Ich nehme das nicht für selbstverständlich. Es ist was Besonderes. Alles andere wäre verlogen. Es ist auch eine Würdigung.

Sie haben erfolgreich mit Regisseur Martin Ku(s)ej, dem designierten Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels, zusammengearbeitet. Werden Sie bei ihm in München arbeiten?

Sie werden mich dort erleben.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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