Salzburger Festspiele: Prinzip Überwältigung

Salzburg - (Größen-)Wahn, Leidenschaft und ein gutes Stück Naivität: Regisseur Nicolas Stemann hat Goethes kompletten „Faust" inszeniert. Jetzt hatte der achteinhalbstündige Theatermarathon in Salzburg Premiere. Er wurde gefeiert und ausgebuht.

Natürlich folgt an diesem Abend auf der Perner-Insel in Hallein alles dem Prinzip der Überwältigung: Zum einen durch die schier unglaubliche Textmasse, schließlich hat Johann Wolfgang Goethe (1749 bis 1832) die beiden Teile seiner Tragödie in 12 111 Versen niedergeschrieben. 1808 erschien „Faust I“, 1832, kurz vor seinem Tod, vollendete der Dichter „Faust II“. Der lange Entstehungsprozess erklärt die Fülle von Stilen. Hier lesen wir Prosa und Alexandriner, finden Knittelverse und Volksliedstrophen, Arien und Chöre, die derbe Sprache der Gosse ebenso wie gestochen scharf formulierte Argumentationen der Gelehrten.

Regisseur Nicolas Stemann versucht, durch den Einsatz vieler Theatermittel dieser Überwältigung Herr zu werden, ja, diese Überwältigung auch an sein Publikum weiterzureichen: Er arbeitet ohne feste Rollenzuweisung, bringt Puppenspiel und Filmsequenzen auf die große schwarze Bühne, lässt live Musik spielen und einen Kameramann Bilder der Schauspieler aufnehmen und senden. Er arbeitet mit Tanz, Zeichnungen und Malerei, alles entsteht im Augenblick. Und, nicht zuletzt versucht Stemann, allein durch die Dauer der Inszenierung, die in Zusammenarbeit der Salzburger Festspiele mit dem Hamburger Thalia Theater entstand, zu überwältigen: Um 17 Uhr beginnt, um 1.30 Uhr nachts endet dieser Theaterabend, der von drei Pausen (eine Stunde sowie zweimal je zwanzig Minuten) unterbrochen wird. Nur bei einem hat sich der Theatermacher für die Reduktion entschieden: Die etwas mehr als 200 Rollen hat er sechs Schauspielern übertragen.

Manches ist wirklich schön gelungen. Oft scheitern Regie und Schauspieler jedoch am Text, an manchen Stellen versagt der technische Apparat grässlich (Mikrofonausfall, Störgeräusche, falsche Abmischung - zum Glück retten Übertitel). Ab und an beschleicht einen gar das Gefühl, denen auf der Bühne geht’s einzig darum, irgendwie durchzukommen durch diese 12 111 Verse.

Der Text ist für Stemann Hauptdarsteller - und so ist es nur konsequent, dass er sich einer klaren Rollenaufteilung verweigert: Die erste Stunde der Inszenierung bestreitet Sebastian Rudolph allein. Er nuschelt sich durch die „Zueignung“, macht aus dem „Vorspiel auf dem Theater“ eine Stand-Up-Nummer, um den „Prolog im Himmel“ in eine Deutsch-Stunde zu verwandeln, mit den Erzengeln als Strebern und Mephisto als Lümmel von der letzten Bank. Rudolph gibt dem Affen ordentlich Zucker.

Stemann verzichtet auf Psychologisierung und eine tiefere Charakterzeichnung. Das ist ein legitimer Ansatz und funktioniert im ersten Teil gut. Der Regisseur begreift Faust und Mephisto als zwei Seiten derselben Medaille Mensch. Das ist nicht neu, aber passend umgesetzt. In Philipp Hochmair findet Rudolph Ergänzung und Widerpart. Als beide ihren Pakt schließen und in „Auerbachs Keller“ aufbrechen, gelingt Stemann ein sehr rasanter Übergang mit einer Elektro-Version des Queen-Hits „Another One Bites The Dust“. Ja, hier wird noch einer ins Gras beißen. Solche Zitate aus der Popkultur setzt der Regisseur - zum Glück - selten, dafür aber wohlüberlegt ein: Als sich Faust im zweiten Teil mit Helena und dem gemeinsamen Sohn Euphorion ins spießig-kitschige Familienglück träumt, läuft „Morning Has Broken“. Das Kampfgetümmel im kriegerischen vierten Akt des zweiten Teils wird von einem aggressiven Ballett zu Europes „Final Countdown“ ertanzt. Dies sicher auch als Wachmacher fürs Publikum gedacht, schließlich ist es bereits nach Mitternacht, als die Inszenierung hier ankommt.

Von den Stunden davor bleibt unbedingt Patrycia Ziolkowska in Erinnerung. Sie übernimmt in „Faust I“ das weibliche Moment - spielt aber etwa in der „Hexenküche“ alle Figuren, als der alte Gelehrte mit einem Zaubertrank verjüngt wird und erstmals Gretchen sieht. Es ist einer der stärksten Augenblicke, Ziolkowska lässt die bedrohliche Szenerie allein durch Stimme und Körper entstehen. Leider scheitert Stemanns Ansatz, den Text zu entindividualisieren, Psychologie zu meiden und so das Allgemeingültige der Tragödie herauszuarbeiten, ausgerechnet in der „Kerker“-Szene: Offensichtlich hat er hier der enormen Verführungskraft von Goethes Dialogen misstraut und war sich bewusst, dass Gretchens Schicksal anrühren wird. Deshalb lässt er Ziolkowska die Regieanweisungen mitsprechen, entlarvt die Vorlage als solche. Das ist ein zu schwaches Ende für diesen doch gelungenen ersten Teil.

Im zweiten, einem Mysterienspiel voller Allegorien, lässt sich Stemann vom Text überwältigen: Er entreißt „Faust II“ Szenen und Bilder, die leider oft im hilflosen Klamauk enden, als zu Beginn etwa Goethe auftritt und erklärt, er wolle nun für alle 100 Verse einen Strich auf der Wand setzen, damit jeder erkennen kann, wann das Ende naht. Oder wenn Goethe als greiser Alkoholiker schwafelt, er habe einst die „Postdramatik“ miterfunden, und bei den „Homunculus“-Szenen dazwischenkräht, das alles sei seiner „Birne“ entsprungen. Hier schlingert der Abend wild, weil Stemann zu vieles auf die Bühne packt und so den Fokus verliert. Statt sich zu ergänzen und verstärken, heben seine Bilder sich gegenseitig auf. Doch es gibt auch Bedenkenswertes: Dem Kaiser verschaffen Faust und Mephisto viel Geld - und erklären, wie der Kapitalismus funktioniert. Ein politischer Kommentar, zu dem die Logos von Konzernen wie Mercedes Benz über die Wände flimmern. Goethes „Gärtnerinnen“ - hier sind es in einer Videosequenz asiatische Frauen, die am Fließband arbeiten, später laufen Szenen aus Bordellen und vom Straßenstrich. Als dann noch ein Zitat eingeblendet wird aus der „ungehaltenen Salzburger Rede“ des Schweizer Soziologen Jean Ziegler, der die Festspiele heuer hätte eröffnen sollen, doch ausgeladen wurde (wir berichteten), brandet heftiger Szenenapplaus auf.

Doch ausgerechnet die anschließende Mummenschanz-Revue, dieses circensische Spektakel, bleibt erstaunlich lust- und leblos. Das mag auch daran liegen, dass offenbar noch nicht jeder wusste, was er wann zu treiben hat: Stemann, das Textbuch in der Hand, sprang bei der Premiere zwischen seinen Darstellern hin und her, um sie zu koordinieren.

Unglaublich berührend gelingt ihm jedoch die Szene, in der Faust und Helena ihren Sohn Euphorion begraben, weil er, Ikarus gleich, beim Fliegen der Sonne zu nahe kam und in den Tod stürzte. Hier lässt Stemann endlich tiefe Trauer zu. Ganz anders die Inszenierung von Fausts eigenem Tod, der mit einer bunten Gospelnummer gefeiert wird: Seine Seele, hinter der Mephisto so lange her war, - sie ist nichts als eine schnöde Plastiktüte, von einem Gebläse am Schweben gehalten. Achteinhalb Stunden Inszenierung, 12 111 Verse - und am Ende blicken alle auf ein fliegendes Sackerl. Das gibt’s nur im Theater.

Nächste Vorstellungen an diesem Samstag sowie 6., 7., 14., 15., 20., 21. August; Telefonnummer 0043/ 662/ 8045-500.

Michael Schleicher

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München
München - Bisher versteckte sich der Kopf hinter einer der gerade erfolgreichsten deutschen Facebookseiten. Jetzt tritt er erstmals öffentlich auf. Was ist das für 1 …
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München

Kommentare