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Diese Truppe treibt den Abend in immer wildere, wunderbar wahnwitzige Wendungen (v. li.): Barbara de Koy (Äbtissin), Meike Droste (Adriana), Florian Teichtmeister (Dromio), Elisa Plüss (Luciana), Claudius von Stolzmann (Juwelendealer), Christian Graf (Dr. Zwack) und Karola Niederhuber (Luise).

Salzburger Festspiele

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

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Salzburg - Henry Mason hat Shakespeares „Komödie der Irrungen“ auf der Perner-Insel in Hallein mit leichter Hand inszeniert. Die Kritik.

Manchmal muss alles erst kaputt gehen und zerbrechen – bevor zusammenkommt, was zusammengehört. Da ist dann die schöne Ordnung dahin, und die kreisrunde Spielfläche zerborsten: Die eine Hälfte hat sich hochkant in die Bucht gerammt, andere Teile treiben im Wasser. Doch man war ja gewarnt worden. „Stormy Weather“ hatte die Jazz-Kombo gespielt, als die Zuschauer ihre Plätze suchten. Ein Sturm, ganz konkret, brachte einst das Unglück über die Figuren auf der Bühne. Und Stürmen wiederum gleicht, was fortan durch Ephesus wirbeln wird – bis alle wiedervereint sind.

Henry Mason hat für die Salzburger Festspiele Shakespeares „Komödie der Irrungen“ neu übersetzt und auf der Perner-Insel in Hallein mit einem wunderbar aufgelegten Ensemble inszeniert. Am Samstag war Premiere dieses wilden, unterhaltsamen und hochmusikalischen Abends, der die Ästhetik von Zirkus, Musical, Stummfilm mit Theaterzauber verschmilzt.

Dieses frühe Stück Shakespeares (vermutlich um 1590 geschrieben) ist Schwank und Märchen, es kennt Derbheiten, aber auch einen ernsten Hintergrund. Die Handlung entlehnte der Autor der Komödie „Menaechmi“ des römischen Dichters Plautus. Das Zwillingsmotiv dort verdoppelte Shakespeare, selbst Vater von Zwillingen, indem er den bei einem Schiffbruch getrennten Brüdern je einen Diener, auch sie Zwillinge, zur Seite stellte – und die Verwechslungsmöglichkeiten somit potenzierte.

Der Text zelebriert jedoch nicht nur lustvoll Irrungen und Wirrungen, sondern spielt auch mit einer Angst, die die Menschen nicht nur zu Shakespeares Zeit plagte: jener vor dem Doppelgänger und damit vor dem Verlust der Identität. Die Frage nach der Unverwechselbarkeit jedes Einzelnen wird auf einer zweiten Ebene verhandelt. Der Diener Dromio formuliert es so: „Bin ich ich?“

Es ist eine Stärke von Inszenierung und Darstellern, dass sie sich voller Spielfreude und Fantasie auf die Komödie einlassen, darüber jedoch die Figuren nie als Karikaturen bloßstellen. Thomas Wodianka etwa zeigt immer wieder, wie hilflos sich Antipholus von Ephesus fühlt, dem nach und nach genommen wird, was bis dato sein Leben ausmachte: Frau, Haus, Name. Und Meike Droste ist als dessen Gattin Adriana eben nicht nur eine (sehenswerte!) Furie am Rande des Nervenzusammenbruchs, sondern lässt auch die Verletzlichkeit einer (scheinbar) Verlassenen aufblitzen.

Henry Mason etabliert das Drama, das Lustspiel ist und Märchen, Schwank und (Alb-)Traum, als Nummern- und Zirkusrevue. Das Jazz-Trio unter der Leitung von Patrick Lammer am Klavier erzählt in klug gewählten Standards seine Version der Geschichte oder unterstreicht – ähnlich dem Stummfilm – Bühnenaktionen punktgenau durch Geräusche. So berechenbar wie die Manege, die Michaela Mandel ins Wasserbassin gebaut hat, scheint auch die Herrschaft von Recht und Gesetz zu sein, die der Herzog so oft erwähnt – und die dennoch von den Schiff- und Ehebrüchigen, den Hehlern und Huren durcheinandergewirbelt wird bei ihrem Amoklauf in Ephesus. In der Bibel galt die Stadt als Ort voller Magier und Hexen. Shakespeare spielt mit diesem schlechten Ruf, lässt das „Sündenbabel von Betrügern“ immer wieder hervorbrechen. Und Mason inszenierte all das mit leichter Hand: Schauspieler, Musik, Bühne und Licht greifen scheinbar mühelos ineinander. Timing und Tempo stimmen, auch wenn der Abend mit rund zweieinhalb pausenlosen Stunden etwas zu lang ist.

Als der falsche Antipholus bei der Frau seines Bruders zum Essen sitzt, während sich deren Gatte aus Frust, nicht in sein Haus gelassen zu werden, im Bordell vergnügt, schneidet Mason diese Szenen wie im Film aneinander: Licht-, Musik- und Darstellerwechsel ändern in Sekundenschnelle die Atmosphäre. Wie in diesen großartig gearbeiteten Momenten wirkt die gesamte Produktion beschwingt wie die Jazznummern, die die Darsteller singen, sobald ihre Figuren nicht mehr wissen, wohin mit den Gefühlen.

Beeindruckend ist zudem die Virtuosität, mit der Wodianka (Antipholus) und Florian Teichtmeister (Dromio) ihre Doppelrollen gestalten: Da genügen beim einen eine Brille, beim anderen eine gewendete Mütze, um jeweils zum Zwillingsbruder zu werden. Gemeinsam mit Meike Droste und Elisa Plüss, die Adrianas Schwester gibt, treiben die beiden den Abend in immer wildere, wunderbar wahnwitzige Wendungen.

Jubel, Getrampel, Bravi und ein einzelner, hartnäckiger Buh-Rufer.

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 5., 6., 8., 9., 11., 12., 15., 17., 19. und 22. August; Telefon 0043/ 662/ 80 45 500.

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