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Am liebsten beide: Don Giovanni (Gerald Finley) zwischen Donna Elvira (Dorothea Röschmann, li.) und Zerlina (Christiane Karg).

Salzburger Festspiele: Sommernachtsalbtraum

Salzburg - Magere Ausbeute – dachte man zunächst: Mozarts Spitzentrias, seine drei ultimativen Menschenbeschauopern „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ nur von einem Regisseur inszeniert, erschien einfallslos und daher wenig Salzburg-würdig.

Doch was aus der Not geplant wurde (Claus Guth sollte ursprünglich nur den „Figaro“ inszenieren), das rundet sich nun, im letzten Festspieljahr der drei Produktionen, zum beziehungs- und querverbindungsreichen Gesamterlebnis.

Der „Don Giovanni“, gerade im Haus für Mozart wiederaufgenommen, spricht unter diesen drei Produktionen die direkteste Sprache. Während der „Figaro“, 2006 erstmals gezeigt, vor allem aber „Così“, 2009 herausgekommen und heuer gottlob runderneuert, an Guths Neigung zum Psycho-Konzept zuweilen kränkeln, verzichtet sein „Don Giovanni“ auf all den Überbau. Im dunklen Tann von Bühnenbildner Christian Schmidt wird der Niedergang des Wüstlings zum Mittsommernachtsalbtraum: Vom Komtur angeschossen, erlebt und -leidet der Titelheld einen dreistündigen Todeskampf. Seine Sexsucht wird zum Überlebenshunger eines Außenseiters – der allerdings vor dem Schuss schon längst kaputt war.

Während Giovanni eigenen Hormonen gehorcht, gönnt sich Kumpan Leporello die Glücksstoffe per Spritze: Wie schon in der Premierenserie ist Erwin Schrott ein Junkie, bei dem diverse Zellen ob des Rauschgifts ihre Arbeit eingestellt haben. Als dauerzuckender Ex-Macho mit Tick glückt ihm eine bizarre Charakterstudie. Was nun fehlt, wäre der vokale Stilberater: Wie Schrott mit seinem Granitbariton umgeht, wie man organische Phrasen entwickelt, das ist ihm nicht ganz klar. Ergebnis ist ein unstetes, eitles Entertainer-Singen. Als ob ein imaginärer Tonmeister unmotiviert bis wild an den Stimmreglern dreht, klingt das – abgesehen davon, dass in den Rezitativen nur selten die vorgesehenen Notenlinien nachgezeichnet werden.

Dabei hätte Schrott den Musterfall neben sich. Gerald Finley, neu im Ensemble, führt nämlich in der Titelrolle vor, wie Expressivität, ja Exaltiertheit im korrekten Timing funktionieren. Die Champagnerarie ist ein atemloser Husarenritt, bei dem Energie wie ziellos freigesetzt wird, die Canzonetta dagegen ein zärtelndes, kleines Wunder, bei dem sämtliche zigtausend Liebschaften des Don gleichzeitig die Besinnung verlieren könnten. Die Vergangenheit als Nobelmann hört man Finleys Giovanni an; seine Wut, sein Machismo, auch seine Sterbensangst sind daher auf vielsagende Weise veredelt.

Der Rest der Besetzung (bis auf Dorothea Röschmann als Elvira) reißt die Festspiellatte – oder bleibt knapp drunter. Auf der Suche nach der neuen, dramatischen, dennoch gut kontrollierten Stimme hat die Röschmann endlich ihr Ziel erreicht. Kollegin Malin Byström (Donna Anna) ist dagegen damit beschäftigt, ihren ausufernden Sopran zu kanalisieren. Joel Prieto absolviert die erste Ottavio-Arie mit müder Intonation, bleibt insgesamt zu kleinformatig. Lichtblicke bieten dagegen der Bergkristallsopran von Christiane Karg (Zerlina), Franz-Josef Selig als einmal nicht dröhnender Komtur und Adam Plachetka, dessen Masetto als Bewerbung für künftige Leporellos verstanden werden darf.

Dirigent Yannick Nézet-Séguin, Kanadas Beitrag zur Jungstar-Hausse an der Klassikbörse, ist mit den Wiener Philharmonikern hörbar zusammengewachsen. Bei ihm schalten Salzburgs Platzhirsche den Mozart-Autopiloten ab und lassen sich zum Turbo-Spiel nebst häufigen Attacken verleiten. Das Atemlose, Explosive der Partitur liegt Nézet-Seguin, auch der lyrische Charakter, wenn er etwa die Philharmoniker in Zerlinas zweiter Arie auf verführerischen Zauberklang herunterdimmt. Über die schwarzen Löcher Mozarts springt der 36-Jährige dagegen munter hinweg. Aber für die ist dann ab kommenden Jahr wieder Nikolaus Harnoncourt mit Salzburgs neuer „Zauberflöte“ zuständig.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

20., 23., 27., 29. August;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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