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Schauriges, vor allem schön singendes Paar: Tatiana Serjan (Lady) und Zeljko Lu(c)i(´c) (Macbeth).

Salzburger Festspiele: Veteranentreffen am Hexenhügel

Salzburg - Keine andere Salzburger Premiere entfachte heuer einen solchen Kartenansturm. Giuseppe Verdis „Macbeth“ mit Dirigent Riccardo Muti und Regisseur Peter Stein wurde in der Felsenreitschule zum erwarteten Festspiel für die Geschädigten der Opernmoderne.

Das schönste Detail der Inszenierung findet sich ab Seite 21. Im Programmheft stellt sich Peter Stein den Fragen von Intendant Markus Hinterhäuser, vielmehr: posiert, gockelt und führt aus, wie er („Mein Selbstbewusstsein ist nicht sehr groß“) Muti vom einzig wahren „Macbeth“, selbstredend von seinem, überzeugt habe. Schließlich habe der Verdi-Experte noch nie einen solchen Regisseur getroffen. Einen, der „die Musik nicht nur liebt, sondern auch durchschaut“.

Kein Titanen-, ein Veteranentreffen geschieht da in der Felsenreitschule. Hier der Ex-Schauspielchef der Festspiele, der seinerzeit vor dem Salzburg-Umkrempler Gerard Mortier floh, dort der womöglich letzte Maestro alter Schule, der mit dem „Macbeth“ nun seinen Salzburger Opernabschied zelebriert. Natürlich ist bei Muti das Stück längst genetisch verankert. Doch er muss kämpfen: Die Wiener Philharmoniker, gestresst von den Strauss-Exzessen des Kollegen Christian Thielemann, schlingern durch die ersten dreißig Minuten. Manche Streicherfigur zerfleddert, die Bläserfraktion ist oft die entscheidende Millisekunde zu spät, außerdem gibt es noch den bühnenweit auseinandergezogenen Wiener Staatsopernchor. Und den gilt es, auf Kurs zu halten – mal ganz abgesehen von einer zweifach dazwischensingenden Tutti-Sopranistin.

Nicht den Interpreten Muti bestaunt man folglich, sondern den Handwerker. Keine Spur mehr von seiner Herzerkrankung Anfang des Jahres: Mit gebieterischer Geste, oft unvermittelt aufspringend, gibt der 70-Jährige den energischen Kontrollator. Und dann, mit zunehmender Aufführungsdauer, wenn der Abend immer dichter, freier und risikolustiger wird, passieren sie doch, jene kostbaren Muti-Momente: Wie die Musik im Duett des mörderischen Paares geisterhaft und nihilistisch zusammenfällt, wie es einen beim ersten Finale förmlich in die Klappsessel drückt, wie die staubtrockenen Begleitfiguren das zweite Finale vorantreiben, wie die Bizarrerien der zweiten Hexenszene funkeln und gleißen, das erlebt man vielleicht nur hier. Schaurig und schön ist das, wobei dem Maestro Letzteres stets wichtiger ist.

Ein Ästhet eben. Keiner, der sich von Verdis schrundigem Früh-Stück (das hier weitgehend in der Zweitfassung gespielt wird) zur Klangverschmutzung verleiten lässt. Auch nicht in der Ballettmusik, die als Ouvertüre zum dritten Akt fungiert und in der die Philharmoniker endlich ganz bei sich sind. Dazu passen die Sänger: Zeljko Lu(c)i(´c) donnert den Macbeth nicht expressiv auf, sondern entdeckt – in der Nachfolge großer Vorgänger wie Renato Bruson – das Melos der Partie. Ein empfindsamer, gebrochener Feldherr vom ersten Ton an. Das Herrische muss er sich hörbar (und daher rollenlogisch) abringen, es ist womöglich gar „nur“ Maske.

Auch Tatiana Serjan grimassiert sich als Lady nicht durch die Rolle, sondern singt sie tatsächlich. Eine vokale Feinmechanikerin ist sie, kein dämonisches Superweib. Anfangs deckelt sie noch das obere Register, muss auch ein Flackern in den Griff bekommen. Doch dann wird sie immer selbstsicherer, intensiver bis zur imponierend gestalteten, völlig unforcierten Nachtwandler-Szene. Auch Giuseppe Filianoti (Macduff), vor allem der wunderbare, als Banquo viel zu früh versterbende Dmitry Belosselskiy sind Belcantisten reinsten Wassers. Idealbesetzungen in Mutis Klangtheater also.

Die Besetzung

Dirigent: Riccardo Muti.

Regie: Peter Stein.

Bühne: Ferdinand Wögerbauer.

Kostüme: Annamaria

Heinreich.

Choreographie: Lia Tsolaki.

Chöre: Thomas Lang.

Darsteller: Zeljko Lu(c)i(´c) (Macbeth), Tatiana Serjan (Lady Macbeth), Dmitry Belosselskiy (Banquo), Giuseppe Filianoti (Macduff) u.a.

Sein Salzburger Verbündeter bietet währenddessen kein ortsübliches Fußnoten-, sondern echtes Regieanweisungstheater. Minutenlang zieht also Duncan samt Gefolge vor der ersten Reihe ein, das Dinner bei Königs ist ein letztes Abendmahl an einer Zwanzig-Meter-Tafel, zum entscheidenden Showdown gibt es perfekt choreographiertes Lanzen- und Schwertergeklirre, überhaupt sind die Kostüme (Annamaria Heinreich) Stoff und Stil gewordene Realität aus dem Geschichtsbuch. Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer reibt sich an der Felsenreitschule nicht auf, sondern nutzt dieses einmalige Ambiente. Nur einen Hexenhügel mit umdampftem Riesentopf und ein nach oben fahrendes, schwarzes Quadrat mit Türflügel, Symbol für Macbeths Haus, hat er vor die Arkaden gesetzt. Die sind schließlich Blickfang genug: mal Projektionsfläche für Macbeths königliche Nachfolger bis zu Victoria, mal Schauplatz für die irrsinnig taumelnde Lady.

Die Handlung

Die Hexen prophezeien Macbeth, er werde König von Schottland, und Banquo, er werde Vater von Königen sein. Lady Macbeth drängt ihren Mann, König Duncan zu ermorden. Auch Banquo wird getötet. Hexen warnen Macbeth vor Macduff und sagen Weiteres voraus: Kein Mensch, der von einer Frau geboren sei, könne ihm schaden. Zudem sei Macbeth unbesiegbar, bis er den Wald von Birnam auf sich zukommen sieht. Malcolm, Duncans Sohn, tarnt sein Heer mit abgerissenen Zweigen aus dem Wald. Die Lady wird irrsinnig und stirbt. Macduff tötet Macbeth und wird König. Damit erfüllt sich die Weissagung: Macduff wurde aus dem Leib seiner Mutter geschnitten.

Kleine Abweichungen verraten indes den Felsenreitschulen-Routinier Peter Stein. Aus dem diffusen Geistersabbat, gleichsam Birnams tanzender Mörderwald, kristallisiert er drei schauspielernde Oberhexen heraus. Die Luftgeister, die Macbeth aus der Ohnmacht wecken, sind sommernachtstraumsüß umhertanzende Kinder. Und gerade wenn die Aufführung zu clean, zu glatt zu werden droht, illustriert Stein den schottischen Krieg mit einem schockierenden Bild: Macduff beklagt den Kampf im Angesicht blutiger Kinderleichen.

Stein und Muti tun ja Legitimes, im Grunde Honoriges. Sie stellen sich dem „Macbeth“ – und erzählen einfach die Geschichte. Wer da in der Pause „Oberammergau“ lästert, schmäht das dortige Theaterniveau und verschließt vor allem Aug’ und Ohr: 1:1-Realismus ist das weniger, was dieser umjubelte Salzburger Abend bietet, eher ein stilisierter Historismus. Und dies alles ohne Interpretationsgehabe und Allüren. Die hebt man sich doch lieber für Interviews auf.

Markus Thiel

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