Salzburger Osterfestspiele: Wer ersetzt Simon Rattle?

Salzburg - Nach dem Rückzug der Berliner Philharmoniker sind die Salzburger Osterfestspiele in ihrer Existenz bedroht. Entweder man findet prominenten Ersatz - oder krempelt das Festival komplett um.

Die Zeit läuft davon. 2013 müssen die Osterfestspiele nun ein Ersatzprogramm stemmen - ein fast unmögliches Unterfangen im planungsintensiven Opernbetrieb. Wagners „Parsifal“, der eigentlich dort vorgesehen war, wird von den Berlinern und Simon Rattle nämlich mitgenommen zu den neuen Geldgebern nach Baden-Baden: Wer und was also soll die millionenschweren Besucher nach Salzburg locken?

Einige Ersatz-Promis werden bereits ins Spiel gebracht. An erster Stelle die Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann. Auch die Wiener Philharmoniker, möglicherweise unter Leitung des Staatsopern-Chefdirigenten Franz Welser-Möst, böten sich an. Thielemann hat gestern um Verständnis gebeten, dass er „momentan keinen Kommentar zu der Sache abgeben kann“. Und den Wienern wird nachgesagt, dass sie sich durchaus vorstellen können, ein lukratives Gastspiel wie zu Ostern wahrzunehmen.

Beide Orchester sind allerdings an ihren jeweiligen Stammsitzen stark engagiert. Fraglich also, ob sowohl die Dresdner Semperoper als auch die Wiener Staatsoper verkraften können, dass ihre Musiker in großer Besetzung nach Salzburg reisen und für die Heimat nur ein „Not-Team“ übriglassen. Ein Schrumpf-Ensemble also, das gerade mal eine Mozart-Oper spielen könnte.

Vor diesem Hintergrund rücken Symphonieorchester ohne Opern-Anbindung à la Berliner Philharmoniker ins Rampenlicht. Oder wie das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks. Ein Ensemble, das in derselben Klasse wie die Berliner spielt und immer mehr Lust auf Oper verspürt. Gerade hat man Tschaikowskys „Eugen Onegin“ aufgeführt, in den kommenden Jahren folgt eine konzertante „Elektra“ unter der Leitung von Andris Nelsons.

Stephan Gehmacher, Manager des BR-Symphonieorchesters, gibt sich vorsichtig. „Ich hoffe, dass in Salzburg nun eine Diskussion stattfindet, was mit dem Festival überhaupt passieren und ob man es in der jetzigen Form erhalten kann“, sagte er auf Anfrage. „Wir sind zu Gesprächen mit allen bereit, wollen uns aber keinesfalls aufdrängen oder ins Spiel bringen.“ Allerdings, so gibt Gehmacher zu bedenken, sei man für die Osterfeiertage der nächsten Jahre ans Festival in Luzern gebunden.

Das Problem an all diesen Lösungsmöglichkeiten: Mit ihren Ersatz-Orchestern und -Dirigenten vertagen sie im Grunde eine Entscheidung über die Zukunft der Osterfestspiele. An der gegenwärtigen Krise zeigt sich nämlich, dass dieses Festival seit jeher an einem Geburtsfehler leidet. Das luxuriöseste, teuerste Klassikspektakel weltweit wurde 1967 als Karajan-Festival ins Leben gerufen. Und seitdem die Identifikationsperson der zwei Salzburger Frühlingswochen nicht mehr lebt, schlittert dieses Spektakel von Krise zu Krise.

Da die Osterfestspiele nur acht Prozent öffentliche Gelder bekommen, also 92 Prozent des Etats selbst einspielen (müssen), machen sie sich mehr als jedes andere Kultur-Event dieser Größe abhängig von der Nachfrage. Und die dort schwerreiche Klientel, von der ein Gutteil aus Italien anreist, verzeiht fast nichts: Im Jahre 2005 zum Beispiel, als Simon Rattle „Peter Grimes“ von Britten aufführte, verkauften sich die Karten nur schleppend. Und bietet man dort eine halbwegs ambitionierte Regie wie heuer mit Stefan Herheims „Salome“, kommt es zur Buh-Schlacht. Was bedeutet: Im Grunde sind die Osterfestspiele im Geburtsjahr 1967 steckengeblieben.

Mit ihrer organisatorischen Trennung von den Sommerfestspielen hängt das Osterfestival zudem in der Luft. Für ein paar Tage nur muss hier ein kompletter Opern- und Konzertbetrieb aus dem Boden gestampft werden. Auch deshalb könnte eine Lösung wahrscheinlich werden: Die Sommerfestspiele übernehmen das einstige Karajan-Spektakel als Oster-Ableger.

Mit den Pfingstfestspielen ist dies bereits geschehen. Doch gerade an diesem Feiertagswochenende zeigt sich, wie verfahren die Situation ist: In den vergangenen Jahren bot man mit Riccardo Muti einen Superstar auf. Doch der interessierte sich für ein eher abseitiges Repertoire - eine geringere Nachfrage war die Folge: Salzburgs Gala-Gemeinde lässt sich von Promis den Abend schon gern versüßen - vorausgesetzt, die bieten leicht Verdauliches.

Markus Thiel

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