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Cecilia Bartoli ist die neue Intendantin der Pfingsttage und singt die Cleopatra in „Giulio Cesare“.

Vom anderen Stern

München - Salzburger Pfingstfestspiele: „Giulio Cesare“ mit Cecilia Bartoli und weiteren Barock-Superstars

Rein zutatentechnisch ist dies das Fünfsterneplus-Menü. Die drei Tenöre plus Netrebko plus Gruberova, nur eben gemünzt auf die Barock-Cuisine, das wäre in etwa der passende Vergleich. Vorbei also Salzburger Pfingstfestspielzeiten, als sich der Nachwuchs im Haus für Mozart in (oft zu Recht vergessenen) neapolitanischen Opern zu Höchstpreisen tummelte, am Pult immerhin legitimiert durch Superstar Riccardo Muti. Andreas Scholl, Philippe Jaroussky, Anne Sofie von Otter, Jochen Kowalski als Trabanten des neuen Pfingstzentralgestirns Cecilia Bartoli, die singende künstlerische Leiterin, da schnalzt heuer der Händel-Fan mit der Zunge: Besser geht’s nicht.

Es ist ja nicht nur das Nonplusultra, was sich da zur Premiere von „Giulio Cesare“ versammelt, sondern, und das macht die Sache wirklich rührend, die Repräsentanz dreier Barock-Generationen. Kowalski als Deutschlands Countertenor-Bahnbrecher, Nachfolger Scholl als Orpheus aus dem Rheingau, Jaroussky, der Herzbube aus Frankreich – und von Otter samt Bartoli, eine eigene Sonderklasse. Die eine als schwärmerischer Koloraturenspringball, die andere als Singdarstellerin von Tragödienformat. Wer diese All-Star-Besetzung bekommt und bezahlt, lässt sie, soweit verständlich, nicht unter fünf Stunden von der Bühne. Aber dass „Giulio Cesare“ so langatmig sein kann – wer hätte das gedacht?

Gleich vorneweg: Man muss all das nicht spielen. Der „Cäsar“ mit allen Arien bis zum letzten Komma, das hat archivarischen Wert und taugt als Geschenk für Veteranen wie Kowalski. Der kann als Nirena eine noch erstaunlich schöne Stimme vorführen – und verrät die Dienerin (Händel sah einen Diener vor) mit Ernsthaftigkeit nie an die Transennummer. Die größere Schuld verteilt sich auf vier Schultern. Das Inszenierungsduo Moshe Leiser und Patrice Caurier kann kaum plausibel machen, wohin diese Aufführung steuern möchte. Die Bühne von Christian Fenouillat will Schlachtfeld sein, ist aber ein unaufgeräumtes Regiekinderzimmer. Ölbohrtürmchen, über den Himmel sausende Raketen, die Soldateska in Kampfanzügen von heute, der Titelheld in der Limousine (bei der, schönster Moment des Abends, die Türe klemmt), sein Helfer Curio mit Köfferchen, auf dem der EU-Sternenkranz prangt. Einmal onaniert Gegenspieler Tolomeo (Christophe Dumaux mit frostig, scharf umrissenem Charakter-Counter) auf ein Pin-Up-Girl. Immer wieder wird das wohlfeile Symbolrepertoire aktueller Kriege abgearbeitet. Nur folgenlose Andeutungen bringt das – und missbraucht Zeitgeschichte. Am Ende öffnet sich die Hinterbühne, und ein echter Panzer richtet das Rohr ins Parkett. Schocker? Spaß? Kritik? Leiser/Caurier wollen alles und nichts richtig. Ein halbgarer Abend. Damit eine gigantische Ressourcenverschwendung.

Eine funkensprühende Mezzosopranistin und ein sympathisch linkischer Counter: Welch hübsche, andersartige Cleopatra-Cäsar-Annäherung hätte sich daraus zimmern lassen. Doch die Bartoli gibt, was sie am besten kann – sich selbst. Eine Cleopatra, so aufgekratzt und kurz vor der Karikatur wie aus dem Asterix-Heft. Vor ihren großen Arien freilich streckt man die Waffen. „Se pietà“, besonders „Piangerò“ sind Minuten vom anderen Vokalstern, so herzinnig erfüllt, mit solch perfekter Atem-, Intervall- und Dynamikkontrolle, all das degradiert große Vorgängerinnen fast zu Fußnoten. Andreas Scholl kontrastiert dazu mit butterzärtlichem Softklang, wenngleich sein Countertenor keine optimale Projektionskraft hat, ab der tiefen Mittellage auch mal im Orchester abtaucht. Fachkollege Philippe Jaroussky kann sich dagegen auf das helle Feuer seiner Stimme verlassen. Das (breit ausgekostete) Zärteln liegt ihm besser als die Wutanfälle. Das passt durchaus: Sestos Rachewünsche werden zu Absichtserklärungen eines Unreifen. Die vollkommenste Charakterstudie glückt Anne Sofie von Otter als Cornelia. Stark in ihrer Natürlichkeit, selbstverständlich im Beherrschen der barocken Grammatik – besonders ihr hätte man eine andere Regie gewünscht.

Mit zunehmender Dauer des Abends pegeln sich Il Giardino Armonico und Dirigent Giovanni Antonini auf die Akustik ein. Anfangs ein wohllautendes Abtasten, später ein Händel mit Risikolust. Nie spitz oder überreizt, sondern vollsaftig, mit Spaß an der beredten Attacke. Orchester- und Gesangsstimmen scheinen sich oft anzustacheln, auch symbiotisch zu vermählen. Das, immerhin, ist ein Quantensprung zur Muti-Zeit. Was für einen im Wortsinne unerhörten Bellini müsste das im nächsten Jahr geben. Leiser/Caurier sind auch wieder dabei – dann also lieber einen Hörerplatz?

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

bei den Sommerfestspielen am 23., 25., 27., 29., 31.8.; Tel. 0043/662/8045-500.

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