Salzburg-Krone für den "Figaro"

Salzburg - Die Festspiel-Wiederaufnahme der Mozart-Inszenierung von Claus Guth überzeugte mit neuem Sänger-Ensemble

Salzburgs Planung versteigt sich gern zu Absonderlichkeiten. 2004 etwa wurde Mozarts "Così fan tutte" zu Ostern mit Simon Rattle und exquisiten Sängern um Cecilia Bartoli für zwei (!) Abende erarbeitet ­ um dann nur Wochen später im Sommer und mit neuem Ensemble unter Philippe Jordan hervorgeholt zu werden. Ähnliches ist nun dem Schwesterwerk wiederfahren: "Le nozze di Figaro", 2006 Höhepunkt von Mozart total und dank Harnoncourt, Netrebko & Co. medial ausgeschlachtet, präsentiert sich heuer weitgehend umbesetzt.

Geblieben ist von Claus Guths Inszenierung, die den "tollen Tag" ein gutes Stück Richtung poesiereiche Tragödie rückt, unter anderem Dorothea Röschmann als großstimmige, etwas kurzatmige Gräfin und Uli Kirsch als stummer Cherubim ­ ein Engerl im Matrosenanzug, ein Eros-Spender, der Gefühle verwirrt und am Ende, als Ratio und Wut wieder überhandnehmen, frustriert aus dem Fenster springt.

Was die Produktion im letzten Jahr adelte, war die einzigartige Symbiose von Szene und Musik. Eine intensive, detailreiche, genaue und langsame Lesart, entstanden im Zusammenwirken von Guth und Nikolaus Harnoncourt. Keine dankbare Aufgabe also für den aktuellen Dirigenten Daniel Harding. Anders als bei seinem Salzburger Haudrauf-"Giovanni" gab sich Harding weniger krampfig, eher auf weiche, elastische, schlanke Phrasierungen bedacht. Hardings Fehler: Zu oft versuchte er sich an einer Wiederbelebung von Harnoncourts Tempi und Verzögerungen. Eine musikalische Blaupause, ungenauer und inhaltsärmer als das "Original", zumal die Wiener Philharmoniker über weite Strecken ohnehin jene Version abspulten, die sie aus ihrer Staatsoper gewohnt sind.

Angesichts der übrigen Besetzung waren Platten- und DVD-Firma freilich vorschnell: Fast durchwegs ist das 2007er-Ensemble besser. Gerald Finley hat als verklemmter Almaviva am Rande des Nervenzusammenbruchs zwar einen kleineren "Tick" als Bo Skovhus. Doch vokal lässt er den Vorgänger weit hinter sich.

Wenn sich Mozart eine Grafen-Stimme aus den Zutaten Schönheit, Virilität, Geschmeidigkeit und Gestaltungsintelligenz zusammengezaubert hätte, Finleys Bariton wäre dabei herausgekommen.

Dank Diana Damrau wird die Susanna aufgewertet. Die Lust am Spiel und am Singen springt bei ihr aus jeder Achtelnote. Raffinesse, berückende Piano-Momente, müheloses "Umschalten" von einer Atmosphäre zum nächsten Affekt, auch handfestes Aufbrausen gelingen mit einer Wahrhaftigkeit, als habe die Damrau in dieser Figur eine Seelenverwandte gefunden.

Außerdem funktioniert das Zusammenspiel mit dem Partner glaubhafter: Luca Pisaroni, als Figaro eher der Künstlertyp, gibt der Titelrolle einen flotteren, jugendfrischeren Zuschnitt. Nur Martina Janková (Cherubino) hatte die unlösbare Aufgabe, gegen Erstbesetzung Christine Schäfer anzusingen, schlug sich aber hochachtbar. Und kaum ist Guru Harnoncourt weg, kürzte man den vierten Akt um Basilios und Marcellinas stückbremsende Arien. Was ruhig so bleiben kann ­ ebenso wie die gesamte Produktion: Trotz Andrea Breths "Eugen Onegin" gebührt ihr die 2007er-Krone.

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