Der Samariter fehlt

- Diesen Ausrutscher verzeiht der Hörer doch gern. Denn eigentlich widmet sich "Paradisi Gloria", die derzeit erfolgreichste Münchner Konzertreihe, titelgemäß ja geistlicher Musik. Mit der hat Bartoks faszinierende Cantata profana "Die Zauberhirsche" wenig zu tun. Der Gleichnischarakter ist es freilich, der dieses spätexpressive, um Volksgut kreisende Opus mit Brittens "Cantata misericordium" verbindet, eine Vertonung der biblischen Samariter-Geschichte. Dirigent Heinz Holliger schien mit BR-Chor und Münchner Rundfunkorchester bei Britten recht lyrisch gelaunt - wohl bedingt durch die Überakustik in der Herz-Jesu-Kirche.

<P>Der (an)klagende Gestus, die verhangene Atmosphäre der Ecksätze überzeugten, der dramatische, oft groteske Charakter der Chor-Einwürfe wurde jedoch nur angedeutet, wirkte wie geglättet. Zum Kraftzentrum dieser Interpretation wurden dafür Werner Güra (Tenor) und Christian Gerhaher (Bariton), die mit großer, fast theatralischer Intensität die Auseinandersetzungen zwischen Wanderer und Samariter gestalteten.</P><P>Prägnanter, ausbalancierter dann Bartoks Vertonung einer rumänischen Legende: Neun Brüder werden auf der Jagd selbst in Hirsche verwandelt; als der Vater sie findet, weigern sie sich, in die Zivilisation zurückzukehren. Vor allem die ebenmäßig flutenden Phrasierungen des BR-Chores trugen diese 20 Minuten, Attila Fekete (Tenor) und Istvan Kovacs (Bariton) setzten mit eindringlichen Soli Kontrapunkte. Verbunden wurden beide Kantaten durch Marek Kopelents 1973 uraufgeführte Streicher-Sonate "Das Schweißtuch der Veronika". Ein meditatives, oft fragmentarisches Opus, das elf Orchestermitglieder sehr konzentriert und mit Gefühl für die subtilen Klangverschiebungen vortrugen, kleine Unebenheiten waren da schnell vergessen. Nicht jedoch die Worte, die Heiko Kauffmann von Pro Asyl fand. In seiner kämpferischen Rede schlug er von Brittens Samariter-Kantate die Brücke zum Heute, berichtete den betroffenen Zuhörern von Fällen aus deutscher Asylpraxis: "Die Abschiebegefängnisse sind die dunkelsten Orte der Demokratie in Deutschland."</P>

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