Auf Samtpfoten

- Andere begleiten solche Vorhaben mit Symposien und klugen Essays. Doch der Appell "Leute, esst kein Fleisch!" eines Mannes, der die Bühne des Prinzregententheaters enterte, hätte Beethoven, keinem Freund toter Tiere auf dem Teller, unter Garantie gefallen. Und das blieb dann auch der einzige Knalleffekt des Abends.

<P>Denn Ragna Schirmer, die sich zum Zyklus mit allen Beethoven-Klavierkonzerten rüstete, gab sich erst bei Nummer drei eine Spur angriffslustiger. Nummer eins schlich sich auf Samtpfoten in den Saal, mit wattiertem Anschlag, nach innen gerichteter Emotion sowie ganz dezenter Pointierung und Farbabstufung. Gleich einer impressionistischen Elegie breitete Ragna Schirmer den langsamen Satz aus, luftig-verspielt gerieten die Ecksätze, denen dadurch fast die Verflüchtigung drohte. </P><P>Heiko Mathias Förster und die kultiviert, flexibel, sehr homogen spielenden Münchner Symphoniker blieben nicht nur Untermalung, sondern gaben vor allem dem Kopfsatz ein genaues, Beethovens Spannungsverläufe klug erspürendes Profil. Eine Überraschung dann die Kadenzen: Ragna Schirmer wählte Glenn Goulds heftig modulierende Varianten - ein äußerst seltenes Hörerlebnis.</P><P>Offenbar, das wurde bei diesem ersten Zyklus-Abend deutlich, schwebt der Solistin für jedes Klavierkonzert ein eigenes klangliches "Gesicht" vor. Wesentlich offensiver daher das dritte, für das die emotionale Schere weiter geöffnet wurde, was einen Gewinn an Intensität und Nachdruck brachte. Dass einige Furor-Passagen holperten, dass sich kleine Irritationen einschlichen, mochte an der Nervosität angesichts der großen Aufgabe liegen. </P><P>Eingeleitet wurden beide Werke von Beethoven-Ouvertüren: Während die Symphoniker in "Leonore III" offenbar Respekt vor dem Schwierigkeitsgrad empfanden und reduzierte Dramatik boten, gelang "Coriolan" mit dem gebotenen Ingrimm. Großer Jubel - und Neugier auf die Folgeabende.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare