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Im Korsett der höfischen Gesellschaft (v. li.): Samuel Koch als Homburg, Katharina Hintzen (Prinzessin Natalie) sowie Nicolas Fethi Türksever (Obrist Kottwitz).

"Wetten,dass..?"-Kandidat in Kleists "Homburg"

Am Münchner Volkstheater: Samuel Koch gibt ein Gastspiel

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München - Samuel Koch gibt ein Gastspiel am Münchner Volkstheater: In Kleists "Homburg" tritt der verunglückte "Wetten, dass...?"-Kandidat auf, etwa vier Jahre nach seinem Unfall.

Niemand hat es sich hier leicht gemacht: nicht der Hauptdarsteller, nicht seine Kollegen und erst recht nicht Regisseurin Juliane Kann, die diesen „Prinz Friedrich von Homburg“ inszenierte. Es ist ein besonderer Theaterabend beim Festival „Radikal jung“ – und wer vorab anderes behauptet hatte, den widerlegte das ausverkaufte Volkstheater am Mittwoch. Kleists Titelfigur wird in diesen gut 100 Minuten von Samuel Koch gespielt, der sich 2010 während seines Schauspielstudiums als Kandidat der ZDF-Show „Wetten, dass…?“ schwer verletzte und seitdem querschnittgelähmt ist.

Juliane Kanns Inszenierung, die am Staatstheater Darmstadt herausgekommen ist, funktioniert, weil die Regisseurin eine Haltung gefunden hat – zum Stück, zu Samuel Koch und zu dessen Handicap. Diese Haltung übersetzte sie klug und unaufgeregt in Theater. Die Analogie zur Unbeweglichkeit ihres Hauptdarstellers findet Kann in den starren Regeln am Hof des brandenburgischen Kurfürsten: Auf der leeren Bühne steht ein Podest, dessen Holzmaserung sich bis in die Kostüme fortsetzt, die Josephin Thomas entworfen hat. Gipspaste lässt zudem die Gesichter, Köpfe und Arme der Darsteller starr wirken. Wie in Zeitlupe führen sie die eingeübten Posen des höfischen Lebens vor. Festgefahren, eingerostet in ihrem Regelkorsett ist diese Gesellschaft also allein schon optisch, einzig Homburg hebt sich davon ab: schwarze Schuhe, gülden geschminkt das Gesicht.

Die Regisseurin und ihr Hauptdarsteller zeigen den Prinzen als beinahe modernen Menschen, der das Prinzip des unreflektierten Gehorchens fast überwunden hat, der wie zerrissen ist zwischen Pflichtgefühl und dem Drängen des eigenen Herzens. Mit dem schwarz gekleideten Tim Wiebus ist Samuel Koch ein „Schatten“ zur Seite gestellt, der nicht nur diesen Zwiespalt Bühnen-Realität werden lässt, sondern auch dort interagiert, wo es jenem nicht möglich ist.

Samuel Koch am Münchner Volkstheater: Der 27-Jährige sitzt im Elektro-Rollstuhl

Juliane Kann inszeniert den Prinzen zunächst als Marionette im höfisch-militärischen Geflecht – eine schlüssige Interpretation, die auch erlaubt, dass Koch im Halbdunkel von Mitspielern in neue Positionen gesetzt wird. Am Ende, als Homburg die ihm zur Last gelegte Tat begreift und deshalb unfähig ist, um Begnadigung zu bitten, findet die Figur zu sich selbst und gewinnt Autonomie: Samuel Koch sitzt dann im Elektro-Rollstuhl und ist fortan nicht mehr auf Hilfe angewiesen. Diese Befreiung schließt jene Offiziere ein, die beim Kurfürsten um Gnade für Homburg bitten, der befehlswidrig zu früh in die Schlacht geritten ist: Mathias Znidarec und Nicolas Fethi Türksever reiben sich die Gipsmaske vom Gesicht und ziehen jene Uniformteile aus, die mit Holzmaserung bedruckt sind – und sie bis dato optisch fest mit dem Boden verbunden haben.

All das mag naheliegend sein – ein, zwei kräftige „Buh“-Rufe gab’s beim Gastspiel. Doch entwickelt die Inszenierung, in der alle Regieanweisungen mitgesprochen werden, einen traumwandlerischen Sog. Zu diesem ruhigen Erzähltheater passt die große Leinwand im Bühnen-Hintergrund: Im projizierten Video bewegt sich die Kamera schnurgerade durch einen leeren Schlossgarten. Im Schneckentempo, bis sie vor einer Mauer stehenbleiben muss: aussichtslos.

Dieser „Homburg“ ist heuer das einzige Repertoire-Stück im Festivalprogramm. Bei den neuen Theatertexten konnte man in den Tagen zuvor große qualitative Unterschiede erleben. Da ist etwa das Autorenduo Jakob Nolte und Michel Decar, das in seinem Stück „Das Tierreich“ eine Jugendclique in der Provinz durch die Sommerferien begleitet. Die lose Szenenfolge enthält Banales und Belangloses, kleine und große Dramen, tosenden Leerlauf und leise Lektionen. Das Stück entlarvt seine pubertierenden Protagonisten als junge Alte, als Spießer in Teenager-Körpern.

Der Tennisclub als Sinnbild für eine versnobte Minderheit funktioniert nicht mehr

Gordon Kämmerer nahm das in seiner aus Leipzig eingeladenen Inszenierung auf und lässt die Darsteller als schrill überzeichnete Senioren heißlaufen. Der Abend hat Tempo, Witz und ist wie ein großer Kindergeburtstag, bei dem alle Gäste die Rituale aus dem Effeff kennen – und deshalb höchst unterhaltsam durchdrehen. Mit dieser Arbeit weist Kämmerer sich als aufmerksamer Herbert-Fritsch-Schüler aus.

Ganz anders Alia Luque, die mit ihrer Inszenierung von Anne Leppers „La chemise Lacoste“ in München gastierte. Formale Strenge und ein hohes Abstraktionspotenzial in Spiel- und Sprechweise dominieren die Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses. So versuchen die Regisseurin und ihr engagiertes Ensemble zu retten, was nicht zu retten ist: Leppers Text, obwohl erst im Februar uraufgeführt, ist hoffnungslos veraltet und aus der Zeit gefallen. Sie etabliert ihren Versuch einer Geschichte über soziale Gräben in der Gesellschaft in einem Tennisclub. Dessen elitäre Mitglieder reagieren allergisch, als sie ein junges, doch armes Talent in ihrer Mitte aufnehmen sollen. Später rebelliert diese Kaste der Reichen gegen die Freundin eines Mitglieds, hier als homosexuelle Partnerschaft interpretiert. Ein Doppelfehler. Es ist nicht nur ärgerlich, wie unreflektiert die Autorin in die Klischeekiste greift. Der Tennisclub als Sinnbild einer versnobten Minderheit funktioniert heute schlicht nicht (mehr). Und spätestens seit dem Auftritt von Andre Agassi Ende der Achtzigerjahre im Welttennis ist es zudem vollkommen egal, wenn auf dem Platz gelbe Shirts statt weißer Lacoste-Hemden getragen werden. Daher: Schnell zurück mit diesem altbackenen Stück in die Mottenkiste und ab damit in den Keller.

Nächste Vorstellungen

heute, 19.30 Uhr, gastiert Monster Truck mit „Dschingis Khan“ bei „Radikal jung“, morgen ist die Produktion „Regie“ des Kollektivs zu sehen (20 Uhr); zudem läuft am 25. April „Und jetzt: Die Welt!“ auf der Kleinen Bühne (16 und 19 Uhr); Telefon 089/ 523 46 55.

Michael Schleicher

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