Sanft eingehüllt in Kohlestaub

- Schweben - in einem lichterfüllten Raum aus Grau, züngelnd darin eine weiße Flamme. Schweben in einer Zeichnung, die sanft einhüllt in Kohlestaub, die nicht wirklich Greifbares bietet, aber dafür umso sinnlichere Faszination ausstrahlt.

<P>Wer dieses feine Blatt betrachtet, dem wird klar, warum Richard Artschwager darauf bestand, dieses eine, erste Mal nur Zeichnungen auszustellen. Alles andere würde die Leichtigkeit, die Ambivalenz zwischen klarer Struktur und diesem undefinierbaren Schwingen aus der Bauchgegend heraus stören. </P><P>So ist in der Graphischen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne nach der Gesamtwerk-Präsentation in Krefeld und Winterthur eine längst fällige Premiere zu sehen, die dem sensiblen Metier zur Ehre gereicht. Bekannt geworden ist das amerikanische Multitalent seit den 50er-Jahren mit seinen Möbeln, mit seiner Malerei erst nach dem Werkstattverlust durch Brand 1957. </P><P>Dabei begleitete ihn die leise Kunst des Zeichnens, das zu diesem feinsinnigen, sanft ironischen und behutsam irritierenden Mann so gut passt, seit der Kindheit. Seine Mutter lehrte ihn die ersten Striche, mit ihr war er 1932 auch ein Jahr lang in München. Jetzt ist er zum ersten Mal seit Kriegsende zurückgekehrt - mit der Ernte eines bewegten, 80-jährigen Lebens, das viele Beziehungen, viele Berufe und Nöte überstanden hat. </P><P>Die akribische Be- und Hinterfragung der Dinge ist dem "Handwerker" erhalten geblieben. Dazu kommt eine ungeheure Sensibilität für Raum und Atmosphäre, für Kontexte und die Auswirkungen minimaler Veränderungen. In seinem Zyklus "Basket Table Door Window Mirror Rug" Mitte der 70er spürt er nach, wie die Umgebung, die Anordnung das Gesamtgefüge verändern. </P><P>Aus dem Raum wird eine abstruse spitzwinklige Situation, wo Fenster übereck laufen, Tische hochkant die Wand zieren und Tischtücher am Nagel hängen. Mit glasklaren Strichen hat Artschwager in dieser Serie regelrechte Bilder zur Sehschulung geschaffen. Und zusätzlich eine Barriere zwischen Realität und Illusion, zwischen Logik und Empfindung überschritten. </P><P>Tendenz zum Rätselhaften Diese Tendenz zur Grenzauflösung, zum Rätselhaften, wird auch deutlich bei der zweiten Kategorie Zeichnungen, die sich aus feinsten Grauschleiern heraus schattieren. Milchige Streifen liegen über dem Figurenfragment von 1982, eine Tischkante ragt hart ins Bild. </P><P>Ein eigener Raum, eine eigene Geschichte entfaltet sich im Geiste des Betrachters. Durch seine Andeutungen, durch Schemen, durch Ver- oder Entnebelung kommuniziert Artschwager mit seinem Gegenüber. Das kann bei einem Brustbild eines Mannes vor weißem Feld sein ("Road to Damascus", 1960), dessen Kopf zerteilt ist, das kann auch bei den späten Landschaften sein, die fast traditionell anmuten, wäre da nicht dieses Ungreifbare. </P><P>Als "Roter Mann" blickt Artschwager 1960 unverrückbar in die Runde, als schräg an der Wand lehnend, fließend, zurückhaltend, präsentiert er 2002 sein Alter Ego. Die Graphische Sammlung hat beide Seiten des Künstlers für immer ins Haus geholt: Ankäufe seiner Zeichnungen, übrigens auch die Präsentation der Neuerwerbungen seit 1995 auf dem Gang (von Julius Schnorr von Carolsfeld bis Thomas Schütte) zeugen von einem glücklichen Händchen. </P>

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