Der sanfte Radikale

- Nachdem Grigorij Sokolov den offiziellen Programmteil seines Klavierabends beendet hatte, brach das Publikum im Herkulessaal in euphorischen Applaus aus. Was wurde hier so begeistert gefeiert? Sein runder, praller Klavierton? Seine ausgeklügelte Klangregie?

Die Air aus Bachs e-moll-Partita faszinierte jedenfalls durch äußersten Wohllaut und behutsam hingetupfte, gleichsam "ploppende" Stakkati, während in der Sarabande eine Strategie der Spannung und Auflösung verfolgt wurde. Die zahlreichen Vorhalte wurden hier wirklich vorsichtig austariert und hörbar gemacht - trotz des mit Trillern und Verzierungen vollgestopften Klaviersatzes.<BR><BR>Waren es also die klanglichen Qualitäten, die den stärksten Eindruck hinterließen? Oder seine sanfte Radikalität? Unter anderem äußerte sich diese Radikalität in der Organisation des Programms, in dem neben Beethovens op. 111 dessen weitaus unbekanntere (und wohl auch bei weitem nicht so gute) B-Dur-Sonate op. 22 gestellt wurde. Natürlich wirkt es erst einmal sympathisch, wenn sich jemand den vernachlässigten Repertoirebereichen zuwendet und hier sein Bestes zur Popularisierung tut. Aber hier konnte selbst Sokolovs intelligente Interpretationskunst wenig veredeln und vergolden. Das Thema des langsamen Satzes war einfach zu flach und zu wenig entwicklungsfähig, um einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu können; und die Balgereien des Finales waren zwar unterhaltsam und lustig, aber letzten Endes dann doch einfach nur - nett.<BR><BR>In Beethovens c-moll-Sonate op. 111 schließlich gab Sokolov sich entschlossen. Der erste Satz wurde wild und "con brio" genommen, der zweite hemmungslos ruhig. Hier zeigte sich Sokolov von seiner allerbesten Seite. Und vielleicht noch in der cis-moll-Mazurka von Chopin, die er im Zugabenteil (vor unser aller Ohren) liebkoste und streichelte.<BR><BR><BR>

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