Der sanfte Übergang - Neuer Chef der Ballett-Akademie

München - Robert North wird Chef der Ballett-Akademie an der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Er folgt damit auf Konstanze Vernon.

Wettstreitendes, auch bösartiges Gerangel um einen Posten, dann monatelanges Rätselraten, gefolgt von ebenso langer Stille - jetzt endlich steht die Neubesetzung fest: Robert North wird Konstanze Vernon am 1. September ablösen. Warum diese Wahl? Der Amerikaner North ist ein leidenschaftlicher Pädagoge und erfahrener Compagnie-Leiter. Als Choreograph hat er internationales Renommee. North ist also genau der Mann, den sich die scheidende Schuldirektorin gewünscht hat.

Seine Arbeiten für ihre Heinz-Bosl-Ballettmatinéen - von "Troy Game" und "Light Fandango" bis zur Auftragschoreographie "Musici Veneziani" - waren ideales Tanzfutter für ihre Studenten. Einen klug bedachten, sanften Übergang ermöglichen, das ist ja schon Konstanze Vernons Markenzeichen: 1998 beendete sie die Direktion des von ihr gegründeten, opernunabhängigen Bayerischen Staatsballetts, hatte ihren Nachfolger Ivan Li(s)ka aber schon ein Jahr vorher "zur Eingewöhnung" als Ballettmeister ans Haus geholt. Dem neuen Akademie-Leiter North wird sie - als Bosl-Stiftungs-Chefin auch weiterhin aktiv - nun im Rahmen eines Lehrauftrages beratend und als Stellvertreterin zur Seite stehen.

Gibt es jetzt, wie bei Leitungswechseln üblich, ein "neues Profil"? Dazu Robert North: "Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass unsere Absolventen ein Engagement bekommen, das heißt: neben dem Technikunterricht auch kontinuierlich Bühnenpraxis anbieten. Deswegen hat Konstanze Vernon ja die Ballettmatinéen eingerichtet. Ich als Choreograph kann diese eingeschlagene Linie noch intensivieren."

Mit seinem zwischen Ballettklassik, Modern Dance und Jazz breitgefächerten Handwerk will North die Studenten in allen Stilen fit machen. Und mit North als choreographischem Antrieb könnte sich auch Konstanze Vernons alter Traum von einer etablierten Junior Compagnie konkretisieren.

Im Vorfeld der Nachfolge-Suche war Konstanze Vernon böse attackiert worden, es gebe fast nur ausländische Studenten in ihrer Akademie. "Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Deutschen ihre Kinder lieber in besserverdienenden Berufen sehen", so North. "Aber alle Ensembles auf der ganzen Welt sind international besetzt. In den USA tanzen hauptsächlich Russen. Im Londoner Royal sind die Solisten meist keine Engländer mehr, sondern Rumänen, Polen, Russen. Das werden wir nicht ändern können."

Stimmt wohl so, und auch schon zu Petipas Zeiten waren Tänzer die emsigsten Migranten, jetzt in Paris und Mailand, dann in Stuttgart oder St. Petersburg. Von Seiten der Akademie immerhin eine Anstrengung zur besseren Verständigung: "Der bereits initiierte Deutsch-Unterricht wird ausgebaut", versichert Vernon-Gatte Fred Hoffmann, der schon dabei ist, das 2008 zu feiernde, 30-jährige Jubiläum der Heinz-Bosl-Stiftung vorzubereiten.

1978 haben die beiden die Stiftung ins Leben gerufen, einzig um die damals kümmerliche Ausbildungssituation zu verbessern. Und was da aufgeblüht ist, unter phänomenalem Einsatz von Engagement, Energie und Können, das wurde weit über München hinaus wahrgenommen. Verständlich, dass die beiden Stiftungsgründer diese ganz spezielle, bislang so fruchtbare Kooperation von Stiftung und Akademie erhalten wissen wollen.

Deshalb hat Konstanze Vernon offensichtlich all ihre Überzeugungskraft eingesetzt, um Robert North von den Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach abzuwerben, wo er am 1. Juli dieses Jahres als Ballettchef angetreten ist (als Nachfolger für die unerwartet verstorbene Heidrun Schwaarz).

Alles gut und schön, auch der Nebeneffekt, dass North, der Mönchengladbach als Choreograph und Berater erhalten bleibt, wahrscheinlich seine Münchner Studenten dort platzieren kann. Aber ist er, immerhin Jahrgang 1945, denn wirklich der Mann, der die oben erwähnte Kooperation Stiftung & Schule garantieren kann?

Die nächsten fünf Jahre auf jeden Fall, zusammen mit Konstanze Vernon, der man noch einige Überraschungen, sprich: eine international tourende Junior Compagnie oder einen choreographischen Wettbewerb (der fehlt in München!) zutraut. Mit seinem sehr dynamischen Stil, der komplexes klassisches Vokabular mit lässig-sportlicher Moderne verbindet, kann North, zumindest was die Bühnenpraxis betrifft, der Akademie eine Prägung geben. Ein möglicher Nachfolger für ihn wäre Staatsballettchef Ivan Li(s)ka, dessen Vertrag 2011 ausläuft, wenn er nicht verlängern will oder eventuelle Angebote von Elite-Ensembles, sei es aus Hamburg oder London, bekommt. Erstrebenswert wäre auf jeden Fall, wenn die Akademie dem Staatsballett in irgendeiner Form angegliedert würde. Warum hier Tänzer ausbilden, um sie dann fortzuschicken?

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