Interview zur Münchner Premiere 

Von den Mythen der Integration

München - US-Regisseurin Sarah Gross spricht im Merkur-Interview über ihre Dokumentation „Brown Bread“, Brücken und die eigene Familie als Filmstoff.

In der Familie der US-Filmemacherin Sarah Gross war Integration nie einfach nur ein abstrakter Begriff, sondern gelebte Realität – mit allen Freuden, Schwierigkeiten, aller Wut und allem Ärger: Ihre Eltern, Margot und Peter, haben in den Siebzigerjahren benachteiligte Kinder adoptiert. Aber was bedeutet es, sechs Menschen unterschiedlicher Hautfarben und aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten in einer Familie zu integrieren? Dieser Frage spürt Sarah Gross, 1967 in Washington D. C. geboren, in ihrem sehenswerten Dokumentarfilm „Brown Bread“ nach. Am Sonntag feiert die Produktion um 15 Uhr ihre öffentliche München-Premiere im Neuen Gabriel (Dachauer Straße 16). Wir sprachen mit der Regisseurin über ihre Familie – und ihren Film.

Wann war Ihnen klar, dass Ihre Familie Thema Ihres neuen Films sein soll?

Einerseits habe ich lange gebraucht, bis mir klar wurde, dass aus meiner Familiengeschichte ein Film werden könnte – ich hatte sogar schon mit den Interviews angefangen, ohne zunächst zu wissen, wohin das führen würde. Die andere Seite ist, dass mir Kollegen seit langem immer wieder sagen, ich müsse einen Film über meine Familie machen, denn deren Geschichte müsse unbedingt erzählt werden. Ich hatte also von außen viel Unterstützung – musste mit mir aber länger ringen.

Was waren Ihre größten Bedenken?

Für mich war es wichtig, ehrlich zu sein. Dazu gehört auch, unangenehme Fragen zu stellen. Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Denn ich wollte meine Familie natürlich nicht grundsätzlich negativ darstellen – es sollten aber auch nicht alle Konflikte mit Lack überpinselt werden.

Waren die Mitglieder Ihrer Familie sofort dazu bereit, so offen vor Ihrer Kamera zu sprechen?

Die Szenen in Schwarz-Weiß stammen aus einem Film, den ich vor Jahren gemacht habe...

...das war die Dokumentation „My Family“.

Genau. Damals waren die Dreharbeiten sehr schwierig, weil sich meine Geschwister in den Gesprächen nicht öffnen wollten. Bei „Brown Bread“ war das nun ganz anders: Meine Familie war bereit für diesen Film und für meine Fragen. Ja, sie war sogar neugierig darauf, Themen anzusprechen, die wir noch nie angesprochen hatten.

Wie objektiv können Sie als Filmemacherin sein, wenn es um Ihre Familie geht? Oder ist der Dokumentarfilm per se subjektiv, sodass diese Frage für Sie überhaupt keine Rolle spielte?

Das ist tatsächlich eine Glaubensfrage für Dokumentarfilmer. Ich denke, jeder hat seine Perspektive, wenn er sich einem Thema nähert – das ist ja in Ihrem Beruf ganz ähnlich. Das sollten wir nicht leugnen. Für mich war wichtig – und das ist vielleicht das Objektive an meinem Film –, dass jeder Protagonist zu Wort kommt wie er möchte. Dass ich also unsere Familiengeschichte aus jeder Perspektive hören und sehen kann. Ich glaube, das ist mir ein Stück weit gelungen. Ich kaschiere in „Brown Bread“ aber auch nicht, dass ich die Geschichte aus dem Off begleite.

Was war technisch die größte Herausforderung?

Ich habe den Film alleine gemacht. Das heißt, ich musste auch auf den Ton achten während des Drehs.

Sie haben ohne Team gedreht?

Genau.

Hat das die Gesprächsatmosphäre entspannt?

Die Interviews waren sehr intensiv. Das wäre anders gar nicht gegangen: Meine Familie hat sich auf eine Art und Weise geöffnet, wie sie es nicht hätte tun können, wenn Fremde dabei gewesen wären.

Ein Motiv, das mir sehr gut gefallen hat, ist das der Brücke: Wir sehen etwa die Golden Gate Bridge im Nebel – erkennen dabei aber nicht, ob sie auch wirklich da ist...

Ja! Als ich in der Gegend um San Francisco unterwegs war, um meine Familie zu interviewen, ist mir aufgefallen, dass ich dauernd über Brücken gefahren bin. Dabei wurde mir klar, dass Brücken nicht nur verbinden – sie markieren auch eine Distanz, die eigentlich nicht zu überschreiten ist. So ist das wahrscheinlich in jeder Familie, in jedem Fall aber in meiner: Es gibt Verbindendes und Unterschiede. Dieser Widerspruch findet sich im Symbol der Brücke.

Hat die Arbeit am Film Ihr Familienbild verändert?

(Lacht.) Das ist eine tolle Frage! Ja, hat es. Aber vielleicht wäre das sowieso geschehen, auch ohne den Dreh, weil die Familie in einer Zeit des Umbruchs war: Wir hatten alle bereits eigene Kinder und wollten die Wege zurück zueinander finden. Daher waren wir neugierig aufeinander.

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass „Brown Bread“ auch die Geschichte des amerikanischen Traums erzählt?

(Lacht.) Bei aller Bescheidenheit: Aber ich denke schon, dass der Film eine Metapher für viele Familien ist. Jede Familie hat doch Krisen und definiert sich darüber, wie sie damit umgeht. Das geht über die Fragen nach Adoption und über die Fragen nach unterschiedlichen Hautfarben hinaus. Natürlich gab es in den USA verschiedene Mythen der Integration, die vor allem in den Siebzigerjahren Konjunktur hatten. Doch erst in jüngster Vergangenheit wurde offensichtlich, dass wir davon im Alltag noch weit entfernt sind – in unseren sozialen und ökonomischen Strukturen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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