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Sarah Kuttner wurde als Moderatorin des Musiksenders Viva bekannt und debütierte 2009 mit „Mängelexemplar“ als Autorin.

Moderatorin  und Autorin stellt ihren neuen Roman in München vor

Sarah Kuttner erzählt von „Kurt“

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Mit „Mängelexemplar“ schrieb sie 2009 einen Bestseller. In ihrem neuen Roman „Kurt“ erzählt Sarah Kuttner nun von einer Patchworkfamilie. 

Vermutlich gibt es keinen richtigen Ton. Wie schon klingen, was schon sagen in dieser unsagbar schrecklichen Situation? Es ist vielleicht die schlimmste, die es geben kann: Das eigene Kind stirbt. Und nun?

Wieder hat sich Sarah Kuttner in „Kurt“ ein hartes Thema vorgenommen. Wieder begegnet sie ihm mit der ihr eigenen ironischen Distanz, bemüht sich wie ihre Protagonistin darum, das alles nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen.

Beim Musiksender Viva wurde Sarah Kuttner als Moderatorin bekannt

Man muss diese MTV-Sprache mögen. In der ein Synonym für „besonders“ schon einmal „fucking“ ist oder ziemlich viel auf „egale Art“ passiert. Kuttner, Jahrgang 1979, einst bei den Musiksendern Viva und MTV und seit ihrem Bestseller „Mängelexemplar“ 2009 erfolgreiche Autorin, ist ein Paradebeispiel für die Generation X. Geprägt von der Popkultur der Neunziger, aufgewachsen mit „Friends“, mit Grunge und den ersten Mobiltelefonen, mit dem Mauerfall und der Neuordnung der Welt. Die Generation, deren Großmütter keinen Job ohne die Erlaubnis ihres Mannes annehmen durften, die Generation, deren Mütter dagegen aufbegehrten, und die Generation, die nun dasteht und sich überlegt, welches Lebensmodell sie selbst leben will.

Lena, aus deren Perspektive Kuttner erzählt, wählt die Variante Patchwork. Zieht von Berlin nach Brandenburg. Für ihren Freund, Kurt. Oder besser: für dessen Sohn, Kurt junior. „Ich bin ja mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtags-Kurt.“ Das Haus außerhalb ihrer eigentlichen Heimat haben sie gekauft – „zugunsten eines kleinen Kurt“. Weil dessen Mutter in Brandenburg wohnt und dadurch das Hin- und Herwechseln von einem Elternteil zum anderen unkomplizierter ist. Und so ist der erste Teil des Romans ein genau beobachtender Blick auf das, was Patchwork heute bedeuten kann. Lena tastet ab, wie viel Erziehungsarbeit ihr gestattet ist, welche Rolle die grantige Ex-Frau spielt, was es heißt, ein „erwachsenes Leben“ zu führen.

Kuttners Stil ist lässig, aber dennoch sensibel

Das alles geschrieben in Kuttners betont lässigem Stil, durch den aber immer wieder Sensibilität, Verletzlichkeit, Liebenswürdigkeit blitzen. Besonders dann, wenn sie ihre zwei Kurts beschreibt. Oder Brandenburg. „Das sind meine liebsten Brandenburggeräusche: das nölige Aufheulen der Rasenkantentrimmer, das entfernte Böllern lebensmüder Motorradfahrer und eben das Kreischen der Tischkreissägen, mit denen die Latten des neuen Carports geschnitten werden.“ Es sind „meine Auslöser für einen schönen emotionalen pawlowschen Reflex“.

Doch dann fällt Kurt vom Klettergerüst. Und stirbt. Plötzlich passt der alles nie ganz ernst nehmende Kumpel-Ton nicht mehr, der die Kommunikation zwischen Lena und ihrem Freund einmal ausgezeichnet hat. Plötzlich kann man nicht mehr alles mit Witzchen überspielen. Wie als Paar damit umgehen? Wie überhaupt damit umgehen?

Am Montag liest Kuttner in München

Die Unbeholfenheit von Lena, die sich nicht fallen lassen kann, nervt. Wenn sie das erste Mal mit zum Trauerwald kommt – und „dem toten Kind offiziell als Trauerberechtigte vorgestellt“ wird. „Kurt ist Grabprofi. Er hockt sich an den Baum seines Sohnes, streicht über das Gras am Stamm, tätschelt den Baum leicht, als würde er gleich ,guter Junge‘ zu ihm sagen.“ Dann die bemüht lakonischen Vergleiche: „Der Garten beginnt zu blühen. Wenn sich irgendwo eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Sagt man. In unserem Fall ein unfairer Deal.“ Immer fragt man sich als Leser, wie lange sie diese ironische Distanz durchhalten wird, wann sie endlich die Maske herunterzieht und der echten, unverstellten, wahren Trauer freien Raum lässt.

Irgendwann passiert es. Lena „erbricht zwei Monate Gefühl über Kurt“. Was für eine Erleichterung! Kuttner schafft es, dass wir Leser die Befreiung, die in diesem Loslassen liegt, spüren können. Wie kann man mit einer schrecklichen Situation wie dieser umgehen? Loslassen, Trauer zulassen, weinen, schreien, lachend erinnern, ehrlich nach vorne schauen. Vielleicht so.

Weitere Informationen zum Buch:

Sarah Kuttner: „Kurt“. S. Fischer, Frankfurt/Main, 240 Seiten; 20 Euro.

Lesung: 

Am Montag, 18. März, stellt Sarah Kuttner ihren Roman um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, vor;
Telefon: 089/ 29 19 34 27.

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