Hai im Sardinentümpel

- Ein einzelgängerischer Dickschädel mit dichtem schwarzen Schnurrbart; herausgestoßene kurze, polternde Einwürfe; sonderbar ungewohnte Wortbildungen; eine satte, mit Metaphern prall gefüllte Sprache. "Brausepulver", wie es der Literaturkritiker Rudolf Hartung nannte. "Unserem literarischen Schrebergarten zeigt er, was eine Harke ist", charakterisierte Hans Magnus Enzensberger die Wirkung von Günter Grass. "Ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel."

<P>Es muss schon ein merkwürdiger Moment gewesen sein, als Grass Mitte der fünfziger Jahre auf der zumindest äußerlich sonst so ruhigen literarischen Bühne der Bundesrepublik auftauchte. Ein kaschubischer Bergarbeiter und gelernter Steinmetz, dessen Deutsch noch den Beiklang seiner Heimat hatte, ein schüchtern sturer Prolet unter all den selbstbewussten Feingeistern des Betriebs. Und dann schrieb ausgerechnet er auch noch besser als alle anderen: Sein Roman "Die Blechtrommel", für dessen erste Auszüge er 1958 auf einer Tagung der "Gruppe 47" den mit 5000 Mark dotierten Literaturpreis gewann, wurde ein Welterfolg, an dem Grass seither, oft nicht zu seinem Vorteil, gemessen wird.</P><P>Was für eine Lebensgeschichte. Sie liegt jetzt in Buchform vor, aufgeschrieben von Michael Jürgs. Vor 75 Jahren, am 16. Oktober 1927, in Danzig als Sohn eines Kolonialwarenhändlers geboren, bis heute "sich zu seiner Herkunft bekennender Kleinbürger" (Grass). Dann die übliche Biografie dieser Generation: Jungvolk, HJ, Flakhelfer mit 15 und als 17-Jähriger noch eingezogen, dann britische Gefangenschaft, nachgeholtes Abitur. In seiner Jugend findet sich noch keine Spur jenes späteren oppositionellen Geistes, den Michael Jürgs in seiner Biografie, der ersten richtigen dieses Schriftstellers, in den Mittelpunkt stellt: der Autor als Citoyen, als moralisches Gewissen der Republik, als einer der wenigen deutschen Gegenwarts-Intellektuellen von Weltrang _ und dies schon lange vor dem Nobelpreis-Gewinn 1999.</P><P>Gegenüber all diesen "Forderungen des Tages" geraten Grass' Werke _ sie umfassen heute immerhin eine 18-bändige Ausgabe _ etwas in den Hintergrund. Dabei verdient vieles mehr Aufmerksamkeit. Ob die Novelle "Katz und Maus" (1961) und der Roman "Hundejahre" (1963), die neben der "Blechtrommel" die "Danziger Trilogie" bilden, ob seine Gedichte; nicht zu vergessen die Tatsache, dass Grass, der einst in Paris Bildende Kunst studierte, auch als Maler und Zeichner geachtet wird.</P><P>Vergleichsweise wenig Zeit nimmt sich Jürgs für die Frage, was den fantastischen Realismus dieses Autors ausmacht, für dessen skurrilen, oft satirischen Humor, den Vergleich mit ähnlichen Versuchen anderer Autoren der letzten fünfzig Jahre oder für die schwierige Frage, was genau von ihm über die Gegenwart hinaus bleiben wird.</P><P>Der Vorteil von Jürgs' Buch liegt anderswo _ und vielleicht ist diese Konzentration ganz angemessen im Fall eines noch Lebenden: Jürgs beschreibt das Leben des Autors als eine repräsentative Biografie der deutschen Nachkriegsrepublik irgendwo zwischen Romy Schneider und Axel Springer, über die er seine früheren Bücher verfasst hat.</P><P>Grass ist für Jürgs in erster Linie öffentliche Figur, ein Künstler, der sich gegen den Rückzug ins Unpolitische sperrt, der seine Forderung "nach engagierter Literatur" auch persönlich beglaubigt: durch Hunderte von Resolutionen und Manifesten, seinen berühmten Wahlkampf für Willy Brandt, durch Auseinandersetzung mit Springer-Presse und APO-Revoluzzern während der Studentenrevolte, durch das Eintreten gegen Antisemitismus und eine Wiedervereinigung zu Lasten der Ostdeutschen.</P><P>Viel Raum auch für den Streit um Bücher: Man wird an die verhaltenen Reaktionen auf seine späten Romane "Der Butt", "Die Rättin" und "Ein weites Feld" erinnert, an den Streit mit dem früheren Freund Marcel Reich-Ranicki. Und an den späten Triumph durch den lang ersehnten Literaturnobelpreis.</P><P>Das ist alles weithin bekannt, der Überraschungen finden sich hier nicht sehr viele. Ihnen begegnet man noch eher im privaten Bereich, einfach weil die Privatperson Grass hinter der öffentlichen fast gar nicht bekannt ist. Viele Details hat Jürgs ausgegraben, Zahlen und Fakten _ drei Frauen, sechs Kinder _, Körpergröße und andere akribisch aufgelistete Details findet man zuhauf in diesem Buch und auch spürbar viel Sympathie.</P><P>Was dagegen fehlt, ist der große Bogen und das Darstellen des kaum Darstellbaren: des Genius hinter allem. Möglicherweise hätte es Jürgs neben aller Fakten-Präsentation auch mal mit Grass selber halten sollen: "Nur wer gut lügt, ist ein guter Dichter."</P><P>Michael Jürgs: "Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters". C. Bertelsmann Verlag, München 2002. 448 Seiten; 24,90 Euro.<BR></P>

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