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Vereint Technik und Spielfreude: Rita Kapfhammer als schöne Italienerin Isabella.

Sarrazin am Gärtnerplatz?

München - A Hund war er scho, der junge Gioacchino. Haute 1813, mit einundzwanzig, in ein paar Wochen eine abendfüllende Oper hin - in Venedig fehlte gerade eine -, die ein echter Rossini wurde und nach 200 Jahren noch gefällt.

Die Hauptperson ist so etwas wie das erwachsen gewordene Blondchen aus Mozarts „Entführung“. Jedenfalls springt sie mit ihrem Muselmann Mustafà noch ein paar Gangarten härter um als Blondchen mit Osmin.

Die Handlung

Die Ankunft der schönen Italienerin Isabella sorgt in Algier für Turbulenzen: Dem Bey von Algier verdreht sie den Kopf, sodass dieser seine Gattin an den Sklaven Lindoro loswerden und Isabella in seinen Harem aufnehmen will. Bis schließlich alle Paare standesgemäß zueinanderfinden, und Isabella mit den Waffen einer Frau die Flucht gemeinsam mit ihrem Auserwählten nach Italien einfädeln kann, sind noch einige Hürden zu nehmen.

In der „Italienerin in Algier“ lässt sich miterleben, wie aus einem Macho ein komplett Düpierter wird. Das Vergnügen im Gärtnerplatztheater, wo die Inszenierung von Thomas Enzinger am Freitag ihre Premiere feierte, liegt ganz auf der musikalischen Seite. Lukas Beikircher, seit dieser Saison 1. Kapellmeister und kommissarischer Chefdirigent des Hauses, verschafft sich mit seiner ersten Premiere einen tadellosen Einstand: Das Orchester ist auf Rossini-Glanz getrimmt. Die Läufe perlen, Tonketten glitzern, vor allem bei den Bläsern. Die Musiker reagieren blitzschnell, geben aber auch einem sanften Ritardando nach, das Beikircher eher durch Blicke und Haltung, denn durch Taktschlagen hervorruft. Und immer wieder ereignet sich der Rossini-Rausch; dann springen die Töne ab wie vom Tambourin.

Altistinnen lieben Rossini. Bei ihm dürfen sie, die sich so oft mit der Tante, der Gouvernante, jedenfalls mit der zweiten Reihe begnügen müssen, Liebhaberinnen sein, sogar Koloratur-Liebhaberinnen. Und da kann das Theater stolz seine Rita Kapfhammer als Isabella ins Feld führen mit ihrem tief dunklen Timbre, ihrer technischen Brillanz und Spielfreude.

Stefan Sevenich räumt ab als Mustafà - ein Pracht-Bassbariton und ein Schlitzohr, das sich vom quiekenden Publikum aber lieber nicht wegtragen lassen sollte: Er ist einer, den die Regie streng an die Kandare nehmen muss, sonst sieht er nicht nur aus wie Dirk Bach, sondern rutscht auch in dessen Genre.

Die Besetzung

Regie: Thomas Enzinger.

Musikalische Leitung: Lukas Beikircher.

Bühne und Kostüme: Toto.

Darsteller: Stefan Sevenich (Mustafà, Bey von Algerien), Stefanie Kunschke (Elvira, seine Gemahlin), Carolin Neukamm (Zulma, Sklavin), Derrick Ballard (Haly, Kapitän), Karol Kozlowski (Lindoro, Sklave), Rita Kapfhammer (Isabella, eine italienische Dame), Juan Fernando Gutiérrez (Taddeo, Isabellas Verehrer).

Durchweg schöne Stimmen führen Stefanie Kunschke als verstoßene Gattin, die reizende Carolin Neukamm als Sklavin, Juan Fernando Gutiérrez und Derrick Ballard vor. Karol Kozlowski als Lindoro entspricht in Stimm-Timbre und Spiel so sehr dem Bild des tenoralen Liebhabers, dass man ihm auch dann nicht die Sympathie entzieht, wenn es „oben“ bedenklich eng wird.

Hier sollte diese Rezension enden dürfen. Es gibt allerdings noch die Bühne, die Regie - und da sieht es denn doch trüber aus. Der Bühnen- und Kostümbildner Toto verstellt die Spielfläche (ohnehin ja klein) mit einem schwer zu entziffernden weißen Gerüst, das wohl ein Schiff sein soll, sich umständlich dreht, hebt und absenkt - viel Aufwand, wenig Wirkung. Der wie immer zuverlässige Chor muss ja auch noch reinpassen, dazu Statisterie und - vollkommen überflüssig - acht herumtanzende Haremsmädchen. Also wieder das typische Gärtnerplatzgedränge.

Zudem verwechselt die Regie Betriebsamkeit mit Einfall, Schlüpfrigkeit mit Witz und bunten Kostümplunder mit Fantasie. Die Kostüme sind eine Hypothek für die Sänger. Die hübsche Kapfhammer wurde von Bild zu Bild hässlicher: Gegen so ein dummes weißes Kleid, so eine öd-braune Jacke muss man erst mal ansingen!

Bei so einem Stück mit einem Nichts an Handlung kommt alles auf die Machart an, auf Charme und Geschmack. In diesem Zusammenhang: Ob jeder im Publikum die berserkerhafte Attacke eines Moslems gegen die Frauen, die sich da in den ersten Minuten abspielt, einfach so geschluckt hat? War diese Szene das bekannte putzige Spiel mit den Sitten des Orients - oder doch schon Sarrazin am Gärtnerplatz?

Beate Kayser

Nächste Vorstellungen Montag, 17. Januar sowie am 21. und 27. 1.; Telefon 089/ 21 85 19 60.

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