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Interview mit Alfred Dorfer

„Satire darf nicht rechts oder links sein“

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München - Auf der Bühne stehen Umzugskartons. Es geht um den Wechsel der Wohnung, der oft zugleich der Übergang von einer Lebensphase in die nächste ist. Eine gute Gelegenheit zu „einer Art Bestandsaufnahme“, wie Alfred Dorfer erläutert. Davon handelt – unter anderem – sein neues Programm „Und“, das heute um 20 Uhr im Lustspielhaus seine Münchner Premiere feiert. Dorfer, einer der renommiertesten Kabarettisten Österreichs, ist in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Cineasten kennen den 55-Jährigen schon lange – aus dem Film „Indien“ (1993), zu dem er mit seinem langjährigen Bühnenpartner Josef Hader auch das Drehbuch schrieb.

Sie haben vor Kurzem den Deutschen Kabarettpreis bekommen. Was bedeutet Ihnen als Österreicher ein solcher Preis?

Das klingt jetzt schleimig, ist aber gar nicht so gemeint: Mich freut das sehr, erstens weil dieser Preis sehr überraschend kam, ebenso wie der Bayerische Kabarettpreis vor acht Jahren. Außerdem kann ich mir relativ sicher sein, dass das nicht das Ergebnis eines Prozesses ist, den man in Österreich als Gemauschel bezeichnen würde. Es geht nicht um die Anerkennung einer Prominenz oder Popularität, sondern um das, was ich auf der Bühne mache.

Wenn Sie zurückdenken an Ihre Anfänge mit „Schlabarett“ – inwieweit hat sich Ihre Kunst verändert in den vergangenen 30 Jahren?

Wir sind ja damals gar nicht als Kabarettisten angetreten, sondern als Schauspieler. Wir wollten komisches, komödiantisches Theater machen – mit aktuellem Bezug. Und als das Kabarett Mitte der Achtzigerjahre eine Marke wurde, zu der es alle jungen Leute hinzog, waren wir plötzlich Kabarettisten. Irgendwann hat es dann nicht mehr gepasst, die Aktualität krampfhaft draußen zu lassen. Also habe ich mich – hauptsächlich im Fernsehen – dem tagesaktuellen politischen Kabarett zugewandt. Inzwischen bin ich zu den Anfängen zurückgekehrt, was damit zu tun hat, dass die Medien von heute einfach schneller sind als du. Du haspelst ständig den News hinterher. Mich interessiert es eher, eine Geschichte zu entwerfen, die natürlich politisch ist, aber auch eine Woche später noch nicht alt.

Lassen Sie uns trotzdem über die aktuelle Politik reden. In Europa gibt es wachsende nationalistische Tendenzen, in Frankreich, in Deutschland, in Österreich. Was könnte der Grund dafür sein?

Was Österreich betrifft, so glaube ich, dass da jetzt hochpoppt, was es schon lange gab. Es fängt damit an, dass wir im Unterschied zu Deutschland die Nazizeit nie aufgearbeitet haben. Und jetzt sind mehrere Dinge zusammengekommen: Österreich hat mit dem EU-Beitritt seine Unabhängigkeit aufgegeben, viele haben das Gefühl, nicht mehr Herren im eigenen Haus zu sein – obwohl sie die Vorteile gerne in Kauf nehmen. Aber dieses Europa, das da plötzlich hereingedrungen ist in unseren Inselstaat, war eine Bedrohung von Anfang an. Hinzu kamen die Menschen aus den ehemaligen Kronländern, die nach dem Ende des Kalten Krieges zu uns geströmt sind. Und jetzt die Flüchtlinge. Das alles fällt auf einen fruchtbaren Nährboden. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass die FPÖ bald stärkste politische Kraft wird.

Und die AfD in Deutschland?

Ich glaube, dass Deutschland viel heterogener ist als Österreich. Ein Wahlergebnis wie zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern mit 20 Prozent für die AfD ist wohl nicht übertragbar aufs ganze Land.

Die Kabarettszene war früher in sich geschlossen, alle waren irgendwie links, alle haben sich gut verstanden. Heute werden Satiriker, die sich beispielsweise kritisch über den Islam äußern, von manchen Kollegen dafür angefeindet.

Islamkritisch zu sein heißt ja nicht rechts zu sein. Ich bin sowieso der Meinung, dass sich die Satire lösen muss von solchen Kategorisierungen. Substanzielle Satire darf nicht links oder rechts sein. Wenn es das je gab, dann hat es sich längst überlebt. Wenn ich mir als Kabarettist schon selbst einen Maulkorb anlege, aus Angst, die Kollegen vielleicht zu befremden, dann kann ich es auch sein lassen.

Gehört das Kabarett zum Establishment?

Das kommt darauf an, wie man es praktiziert. Wenn du in kleine Ortschaften gehst, wo es einen guten Querschnitt gibt sowohl was die Alters- als auch was die Sozialstruktur betrifft, dann musst du dir nicht vorwerfen lassen, dass du eh nur vor denen spielst, die deiner Meinung sind.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass ein Satiriker, der sich nicht selbst sozial engagiert, seinen Beruf verfehlt hat...

Ja! Damit habe ich mir auch viele Freunde gemacht! (Lacht.)

Wofür engagieren Sie sich?

Aufgrund meiner eigenen Geschichte – ich war Sohn einer allein erziehenden Mutter, was schon in den Siebzigern nicht einfach war – habe ich einen Fonds eingerichtet, der Kindern von Alleinerziehenden die Studiengebühren bezahlt, weil ich der Meinung bin, dass Bildung nicht von den monetären Möglichkeiten der Eltern abhängen darf. Das hat sich dann erübrigt, weil wir in Österreich keine Studiengebühren mehr haben. Seitdem spende ich für die Caritas, die mit dem Geld allein erziehende Mütter unterstützt.

Gesetzt den Fall, wir treffen uns in genau einem Jahr wieder zum Gespräch – wer regiert dann nach Ihrer Prognose in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland?

In Deutschland sicher Angela Merkel – fragt sich nur, mit wem. Für Frankreich ist eine Vorhersage schwieriger. Das hängt sicher auch davon ab, ob es bis zur Wahl noch einen Terroranschlag gibt. Die Franzosen waren ja schon immer Separatisten, nur wissen sie im Gegensatz zu den Briten, dass sie ohne Europa nicht existieren können. Deswegen glaube ich nicht, dass Marine Le Pen in einem Jahr an der Macht ist. Und das Interessante an den Niederländern ist ja, dass sie früher Mustereuropäer waren – und jetzt kippt das in die andere Richtung. Nicht einmal die Österreicher stehen der EU so ablehnend gegenüber. Aber ob deswegen Geert Wilders gewählt wird – schwer zu sagen.

Sowohl München als auch Wien sind Kabaretthochburgen. Was verbindet die beiden Städte, worin unterscheiden sie sich?

Die Städte oder die Kabarettszenen?

Beides.

Ich bin zwar oft in München, aber ich lebe nicht hier, deswegen fände ich es arrogant, wenn ich jetzt die Stadt beurteilen würde. Als Künstler, das kann ich sagen, fühle ich mich hier sehr wohl. Ich bin als völlig Unbekannter hierher gekommen und wurde sofort gut aufgenommen. Wie überhaupt österreichische Kollegen hier nie Grenzen überwinden mussten. Wien war dagegen als Satirestandort lange Zeit sehr hermetisch. Es war für einen deutschen Kabarettisten völlig sinnlos, nach Wien zu gehen, weil nie wer in die Vorstellungen kam, nicht einmal ein Kritiker. Seit ein paar Jahren hat sich die Stadt geöffnet, mittlerweile gibt man den deutschen Kollegen den Platz, der ihnen gebührt.

Woran liegt das?

Zum einen sicher daran, dass mehr Österreicher denn je deutsches Fernsehen schauen, zum anderen daran, dass so viele Deutsche in der Stadt leben wie noch nie zuvor.

Flüchtlinge?

Wirtschaftsflüchtlinge! (Lacht.)

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