Satirepralle Simpsons-Verwandte

- Martirio - das ist überall dort, wo gefrustete "Housewives" dem Kaufrausch verfallen und alte Männer an Mädchenhöschen schnüffeln - ist in vorliegendem Fall ein existenziell leer dahindämmerndes US-Kaff, das wollüstig in die immer schon latente Sensationsgeilheit taumelt, als ein 15-Jähriger wegen angeblicher Ermordung seines schwulen mexikanischen Freundes Jesus verhaftet und zum Tode verurteilt wird.

Des Anglo-Australiers DBC Pierres Romandebüt "Vernon God Little" (2003) musste über kurz oder lang im Metropol landen. Denn mit erfolgreichen Roman-Adaptionen hat sich das kleine Freimanner Theater ja ein spezielles Profil geschaffen.

Auch dieser "Jesus von Texas" - so etwas wie Martin Sperrs "Jagdszenen in Niederbayern" als US-light-Variante - wird garantiert ein Renner, nicht nur bei der Eminem-Generation. Umwerfend schon Gretl Kautzschs Szenerie. Vor sonnigem Sanddünenpanorama die schrottreifen Ikonen des US-Überkonsums: Kühlschrank, Cadillac, gestapelte Autoreifen und Wellblechschuppen, hinter dem die sieben Darsteller in 30 Rollen in atemverschlagendem Tempo hoch- und wieder wegtauchen. Allesamt satirepralle Simpsons-Verwandte: der pomadige Sheriff und sein Fettarsch-Vize, der Fernsehtechniker, der als Reporter Martirios Weiblichkeit aufs Kreuz legt, einschließlich Vernon Littles Mom. Großartig Susanne von Medvey in ihrem egoistisch-beschränkten Mutter-Pathos. Und eine Entdeckung Golo Euler. Inmitten dieser grellen Cartoon-Figuren darf er ganz weg vom Klischee, klug gedacht von Regisseur Konstantin Moreth (auch Buch), Vernons Verletzlichkeit und Klarsicht zeigen.

Zwar ist man mit dieser US-Sündenbabelthematik durch TV-Justizdramen und -dokus schon ein bisschen übersättigt. Aber Eulers so ehrlich-schlicht und deshalb so überzeugend gespieltes jugendliches Entwicklungsdrama macht das leicht vergessen.

Bis 4. 2., Te. 089/ 3219 5533

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