"Saudumm daherreden"

- "Dieser Mensch ist ein durchaus komplizierter, blutiger Witz." Die Intellektuellen von München bis Berlin priesen Karl Valentin (1882-1948) in den höchsten Tönen; Bertolt Brecht verehrte ihn. Er sorgte auch dafür, dass Valentin (Fey) 1923 an den Kammerspielen mit dem "Christbaumbrettl" auftreten konnte. So sehr sich der "Linksdenker" seines Status` in der Welt der Avantgarde bewusst war, so sehr blieb er - ganz bewusst - der Tradition der Münchner Volkssänger treu.

<P>Dass der Stellenwert dieser populären Kunst nicht energisch genug unterstrichen werden kann, betont die "Karl Valentin Gesamtausgabe Ton 1928-1947", der auch das obige Brecht-Zitat entnommen ist. Mit den acht CDs und dem Büchlein ist dem Münchner Label Trikont eine hervorragende Ausgabe gelungen. <BR><BR>Für eingefleischte Valentin-Fans ist es schön, seine Texte komplett (Piper Verlag) zu besitzen, aber seine Stimme hören zu können - und die von Liesl Karlstadt -, ist für jedermann ungleich mitreißender. Denn da lebt das Bairische im sich um sich selbst schlingenden Witz, da packt einen jäh im fahlgrellen Blitz der valentinesken Komik die Absurditäten des Seins, da beißt sich böse-lustig die Metropolis München im Gemüt fest ("saudumm daherreden"). Da kopulieren Sprachphilosophie und Blödelei, Menschheitsanalyse und Gaudi: Heraus kommt ein veritables Kind der Kunst - ewig, schön, wahr, melancholisch, meta-komisch und ganz und gar volkstümlich. <BR><BR>Herausgeber Andreas Koll und Achim Bergmann haben deswegen nicht nur die berühmten Stücke von Valentin von den "Semmelnknödeln", über den "Buchbinder Wanninger" bis hin zum "Firmling" zusammengestellt, sondern auch mittlerweile weniger Bekanntes: Die tief schürfenden Überlegungen zum "Aquarium" sind genauso enthalten wie "Am Heuboden" ("Hast des g`hört, wia i nix g`red` hab`?") oder Liesl Karlstadt als "Frau Huber auf der Straßenbahn" mit unnachahmlicher Schleifergosch`n und die "Wappenkunde am Stammtisch", die gegen Hitler stichelte. </P><P>Der legendäre Ententraum wird ergänzt um einen Albtraum, bei dem ein bereits verflüssigter "Lineburger" (Limburger Käse) Geruchsterror ausübt. Der "Zeuge Winkler" verteidigt g`fotzert das Bairische gegen einen hochdeutschen Richter, während im "Ewigen Frieden" die Atombombe thematisiert wird. Zu allen CDs, die einzeln in foto- und typografisch liebevoll gestalteten Hüllen verpackt sind, gibt es ein Heftchen. </P><P>Jede der 126 Szenen wird kommentiert, und das sehr kenntnisreich. Man erfährt zum Beispiel von Problemen in der Nazizeit (Das "Bayerische Soldatenlied" wurde sofort für alle Sendungen gesperrt) oder, dass die unveröffentlichten Probeaufnahmen 1999 auftauchten. Die Schallplattenfolien von 1940 brachte ein Hörer dem BR zu dessen 50. "Geburtstag". Da es damals keine Tonbänder gab, wurde zunächst auf Folie aufgenommen. <BR><BR>Diese Erklärungen werden bestens ergänzt durch das Begleitbüchlein mit Texten von Achternbusch bis Schygulla. Es sind aber vor allem die Erläuterungen von Andreas Koll, die wirklich helfen, Valentin und seine Zeit zu verstehen. Seine Verankerung in der Vorstadt und im Volkssängertum, seine Symbiose mit Liesl Karlstadt, sein Anders- und Unangepasstsein, das Hörer und Funk nach dem Krieg nicht mehr akzeptieren wollten und daher Valentin abservierten. <BR><BR>Spannend ist auch die Erkenntnis, dass Valentin damals schon ein versierter Medienkünstler war: Bühne, Platte, Radio waren selbstverständlich, aber auch Film und das Panoptikum, eine Form zwischen Museum und Schaustellerei, reizten ihn ein Leben lang. Daneben sammelte er Tausende von München-Bilder (Verlag Schirmer/Mosel), die den Wandel der Stadt dokumentierten: Karl Valentin war eben ein Ur-Münchner - mit Eltern aus Darmstadt und Zittau. <BR><BR>"Karl Valentin Gesamtausgabe Ton 1928-1947". <BR>Acht CDs mit Begleitbuch im Schuber, 49 Euro (Trikont). <BR></P>

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